Warum Sprachenlernen?

Als wir fragten, warum die Kinder in der Schule Mathematik lernen, hieß die schnelle Antwort: für später im Beruf und für das Leben. Angesicht der Kollateralschäden für die Persönlichkeit nicht weniger Kinder und der Klassengemeinschaft geben sich viele mit dieser Antwort nicht zufrieden und fordern, die Kinder sollten Mathematik nicht „auf Halde“  lernen müssen. Erst wenn sie echten Nutzen bringt, soll sie Thema sein.

Immanuel Kant zeigte, dass Raum und Zeit die beiden Grundkategorien allen Denkens sind. Maria Montessori fügte diesen eine aktiv strukturierende Kategorie hinzu. Sie attestiert dem Menschen einen „mathematischen Geist“. Keinem anderen Thema hat sie mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Für kein anderes Thema hat sie auch nur annähernd soviel Material entwickelt, wie für die Mathematik.

„Was könnten unsere Kinder in Mathematik lernen, um noch mehr Mensch zu werden?“ hieß jetzt die Frage und sie schenkte uns eine neue Sicht.  Unversehens wird der Mathematikunterricht zu dem Ort, an dem nicht nur das Selbst-Bewusstsein aller Kinder wachsen kann, sondern sogar deren Bewusstsein.Die Mathematik hilft beiden,  Hoch- wie „Tiefbegabten“  ein Gleichgewicht zwischen Gefühl und Verstand zu entwickeln. Wie in keinem andern Fach könnte hier die ganze Persönlichkeit des Kindes wachsen.

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Wenn wir Selbstverständlichkeiten in Frage stellen, überrascht uns das Ergebnis nicht selten mit dem Gegenteil. Stellen wir uns also einer weiteren Selbstverständlichkeit und fragen: „Warum sollen Kinder in der Schule Sprachen lernen?“ Auch jetzt müssen wir nicht lange überlegen: Sprachen lernen wir, um in einer immer internationaleren Welt mit möglichst vielen anderen Menschen in Kontakt treten zu können.
Womit auch die Frage geklärt wäre, welche Sprache denn die wichtigste sei: Englisch. Denn –einmal abgesehen von Chinesisch– sprechen die meisten Menschen nunmal Englisch. Wie gut, dass gerade diese Sprache dem Anfänger den Einstieg einfach macht.

Wollen wir Sprache eine Richtung geben, dann zeigt diese offensichtlich zunächst einmal nach außen. Sprache erlaubt uns, mit der Welt da draußen –mit der ganzen Welt– in Kontakt zu treten. Lassen wir uns trotzdem für die Dauer dieses Aufsatzes auf einen Perspektivenwechsel ein und stellen erneut das Kind ins Zentrum: Was lernt das Kind –sogar dann, wenn es in seinem ganzen weiteren Leben keinen einzigen Menschen treffen sollte, der eine andere Sprache spricht– beim Sprachenlernen?

Mit der Fragerichtung ändert sich auch die Bemessungsgrundlage. Denn Quantität liefert jetzt kein Ergebnis mehr. Es geht nur noch um das eine Kind. Wir müssen noch einen Stock tiefer fahren und noch grundlegender fragen: Was ist das Besondere an Sprache?

 

Sprache bildet eine Brücke zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten

Immer wieder heißt es, es gäbe einfache und schwere Sprachen. Englisch wird den einfachen Sprachen zugeordnet, Chinesisch, Russisch, Arabisch oder Polnisch  den schweren. Doch warum lernen dann alle Kinder auf der ganzen Welt ihre Muttersprache gleich schnell?

Wenn wir berücksichtigen, dass das kleine Kind…

  • gleichzeitig den eigenen Körper in Besitz nehmen muss;
  • sein Lernen auf rein gar nichts aufbaut;
  • es nicht nur lernen muss, wie die Dinge heißen, sondern auch noch, was die Dinge sind;
  • kein Lehrbuch gelesen werden und kein Lehrer irgend etwas erklären könnte, denn hierzu müsste ja Sprache bereits bekannt sein, …

…dann lernen die Kinder ihre Muttersprache mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit.

Dem Computer Kunststücke beizubringen ist in puncto Schwierigkeit nicht zu vergleichen mit dem Schritt, die Hardware  zum Leben zu erwecken. Genau deshalb dürfen wir wohl zu Recht die Entwicklung des ersten Betriebssystems als eine der größten intellektuellen Leistungen überhaupt bezeichnen.
Wenn ein Kind leben und sprechen lernt, dann schreibt es sich sein Betriebssystem auch noch selbst. Es lernt Sprache, ohne auf irgend einem Wissen aufzubauen, ohne Lehrer, ohne Lehrbuch.  Hier haucht sich die Hardware selbst das Leben ein. Und es ist nicht einmal eine Frage des IQ. Denn alle Kinder lernen gleich schnell. Wichtig sind allein Vorbilder. Wichtig ist, dass und wie die Menschen sprechen, in deren Mitte das kleine Geschöpf aufwächst.

Die Muttersprache lernen also alle Kinder „unbewusst“, manche sogar deren zwei oder drei gleichzeitig. Irgendwann weiß das kleine Wesen, wie die Dinge sich verhalten; weiß zum Beispiel, dass ein Mädchen sächlich ist, ein Junge aber männlich. Doch halt. Das stimmt nicht. Es weiß nicht, dass ein Mädchen sächlich ist, sondern es benutzt intuitiv den richtigen Artikel. Vermutlich denkt es dabei nicht im Geringsten in Geschlechtern.
Werden Erwachsene nach dem Grund gefragt, kommen ihnen vielleicht Themen wie Diskriminierung und Dominanz in den Sinn. Den einfachsten aller Gründe kennen jedoch nur diejenigen, die  die Regel bewusst gelernt haben: Mädchen kommt von Magd. Einfach alles, was die verkleinernde Nachsilbe -chen trägt, ist sächlich.

Die Muttersprache lernen alle Kinder unbewusst, mit allen Ihren Regeln: Deklination, Konjugation, Artikel, Zeitenfolge und Wahrscheinlichkeit. Und doch ist Sprache das Instrument, in dem wir ausdrücken, wessen wir bewusst sind. Nur manchmal unterläuft uns ein Lapsus und wir leisten uns einen Freud’schen Versprecher und sagen Dinge, die wir lieber nicht gesagt hätten; fangen an zu stammeln, wenn wir den Finger heben und vor hundert anderen einen klugen Gedanken präsentieren wollen. Wenn wir uns der Sprache bewusst zuwenden, um ja keinen Fehler zu machen, steigt mit einem Mal die Wahrscheinlichkeit sprunghaft an, dass wir genau jetzt und genau deshalb Fehler machen.

Womit natürlich nicht die Existenz bewusster Sprachkünstler geleugnet sei. Doch wie ein Pianist ein Stück zunächst bewusst übt, langsam und dann immer schneller und dann irgendwann die Finger „von alleine“ laufen, muss auch der Sprachvirtuose bewusste Sprache lange üben, um auch bewusst keine Fehler zu machen. Könnte es sein, dass er sich am Ende mit seinem Geist wieder dem zuwenden darf, was er sagen will, und seine Sprache läuft auch jetzt unbewusst, nur eben virtuos?

Die vermutlich meistübersehene Besonderheit von Sprache ist die Tatsache, dass sie eine Brücke bildet: Sie gründet im Unbewussten und dient dem Bewusstsein, sich auszudrücken.

 

Sprache ermöglicht Weitergabe von Wissen ohne gemeinsame Erfahrung

Ein Affe  hat erfahren, dass man Kokosnüsse öffnen kann, indem man sie von einem hohen Baum auf einen Stein wirft. Er kann jetzt nicht zu seinen Artgenossen gehen, und diesen sein Wissen mitteilen. Er kann nicht sprechen und der einzige Weg der Weitergabe ist die Demonstration. Immer wieder.  So lange, bis das Licht der Erkenntnis auf einen zweiten Affen überspringt. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, dann wissen es alle. Denn je mehr Affen dasselbe tun, desto mehr wird ihr Handeln zum Muster und erkannt.

Die Erfolgsgeschichte von Sprache gründet darin, dass sie die Weitergabe von Wissen auch ohne gemeinsame Erfahrung möglich macht. Wir geben einem anderen eine Wegbeschreibung und dieser findet ihn dann, ohne dass er den Weg auch nur ein einziges Mal mitgegangen wäre. Einer schreibt sein Wissen auf ein Stück Papier und  jeder andere kann sich dieses Wissens bedienen.
So gesehen ist auch der Schwänzeltanz der Bienen eine „Sprache“. Denn die Biene führt ihre Kolleginnen nicht selbst ans Ziel, sondern sie tanzt. Womit keine Aussage darüber getroffen werden soll, ob sie ihr Wissen (bewusst) weitergeben will und deshalb tanzt, oder ob sie vor Freude tanzt und damit (unbewusst) Information weitergibt. Und es ist auch keine Aussage darüber, ob die informationsempfangenden Bienen diese Informationen bewusst als Information wahrnehmen und sich dann auf den Weg machen, weil sie wissen, wo die süßen Blumen wachsen, oder ob sie einfach losfliegen „müssen“, ohne zu wissen warum und wohin, und dann ebenso „zufällig“ wie selbstverständlich Honig finden.

Sprache ist der Grund, dass Information –einmal ausgesprochen– sich  vom Wissenden emanzipieren kann. 

 

Sprache bewusst Lernen heißt Sehen lernen

Um das Wort „Mädchen“ mit dem korrekten Artikel zu verwenden, muss man keine Ahnung von Geschlechtern haben, oder davon, wie Größe sprachlich gebildet wird. Und das ist vermutlich mit allen unbewusst gelernten Regeln so: selbst wenn wir gegen keine von ihnen verstoßen sollten, entgeht uns  die Struktur:

„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.“ Dieser Buchtitel hat es nicht umsonst zur stehenden Redewendung gebracht. Doch halten wir zuerst fest: Der Genitiv signalisiert den Ursprung, der Dativ den Ort, und der Akkusativ die Richtung. Ob es an den teilweise irreführenden Namen liegt, dass der Genitiv langsam ausstirbt, wird unklar bleiben. Woran kein Zweifel besteht, ist, dass sogar dem Namensgeber der tiefste Sinn der Fälle nicht bekannt war. Unser Schriftgelehrter schrieb vielleicht gerade an dem Kapitel für Fälle und ging in der Mittagspause auf den Markt um einzukaufen. Da zeigte einer mit dem Finger auf einen anderen und klagte ihn an. Im 4. Fall.  Jetzt wusste unser Gelehrter, welchen Namen er dem 4. Fall geben würde: Akkusativ – Anklagefall.
Er gab der Richtung einen Namen und nahm dem Casus damit seinen Sinn. Seitdem lernen Generationen von Schülern Zeit und Raum, Richtung und Ort als Sonderfälle von Anklagen und Geben.

Ob es auch noch andere ähnliche Fälle gibt, die die Grammatik zu einer Ansammlung von Namen, Regeln und Begriffen entwerten, soll an dieser Stelle gar nicht das Thema sein. Es soll schlicht –durchaus im Akkusativ– beschrieben werden, was passieren kann, wenn Schülern erklärt wird, was sie zu tun haben und wie die Dinge heißen, ohne dass wir ihnen die Augen für die Strukturen öffnen, die in den Regeln leben.

Wer zum Beispiel noch nie etwas von Zeitenfolge hörten, hat vermutlich keine Ahnung davon, dass nicht die grob gezimmerten Schubladen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Grundstrukturen von Sprache sind, sondern eher Konzepte wie Anfang / Eintritt, Gleichzeitigkeit / Verlauf, Ende und Abgeschlossenheit. Er wundert sich vermutlich (nicht), was es mit den verschiedenen Formen von Vergangenheiten auf sich hat; dass es sogar eine Vergangenheitsform in der Zukunft gibt. Und er hat recht, es gibt keine Vergangenheit in der Zukunft. Es gibt nur Abgeschlossenheit einer (zukünftigen) Handlung, wenn eine andere zukünftige Handlung eintritt.

Wer die starken Verben nur als grammatikalische Schikane sieht, mag zu dem Schluss kommen, dass der Sinn der Worte in den Vokalen steckt. Denn im Lärm der Welt hört er nur Vokale, keine Konsonanten und kann sich trotzdem unterhalten.
Fährt er dann nach Bayern, versteht er jetzt kein Wort. Denn hier nutzt jedes Dorf andere Vokale. Hätte er gelernt, dass in unserem Sprachraum –entgegen jeder persönlicher Erfahrung– der Sinn der Worte in den Konsonanten steckt (und der Länge der Vokale), dass also die Vokale nur die Bedeutungsfarbe angeben (Geschlecht, Anzahl Zeit oder Wahrscheinlichkeit), dann könnte er versuchen, das Offensichtliche zu überhören und hätte einen Schlüssel, sich den Sinn dessen, was der andere sagen will, aufzuschließen.

In un-bewusster Sprache tanzen wir, und der andere versteht. Doch er wird Begriffe nie in Frage stellen, auch dann nicht, wenn sie die Realität nur unzulänglich wiedergeben; wird nicht um besseren Ausdruck ringen. Erst der bewusste Umgang mit Sprache denkt auch das Warum, denkt die Zusammenhänge; lehrt, Theorien aufstellen und Dinge in Frage stellen. Bewusste Sprache lehrt uns all die feinen Facetten sehen und hören, die andere Menschen vor uns entdeckt haben.
Der bewusste Sprecher malt nicht mehr nach Zahlen, sondern ist jetzt in der Lage, seine eigenen Linien in die Welt zu ziehen. Erst das bewusste Verständnis von Sprache hebt den Sprecher in die Höhe und lässt ihn von oben auf sich selbst und auf die Welt blicken.

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Ein ganzer Fächer neuer Fragen tut sich auf: 

  • Ab welchem Alter kann man bewusst Sprache lernen?
  • Welche Sprache eignet sich hierfür am Besten?
    • Die Muttersprache?
    • Eine Fremdsprache?
    • Was sind die Kriterien?
  • Ist es also ausreichend, 1 Sprache bewusst zu lernen, und alle anderen besser unbewusst (wie die Muttersprache?)

Stay tuned – Fortsetzung folgt

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