Kinder sind schon wieder anders!

Derzeit entsteht die Monographie zu Fraktales Lernen. Hier ein kleiner Vorgeschmack. Sollte sich zufällig ein Verlag hierher verirren und interessiert sein: bitte keine Zurückhaltung. 

„Kinder sind anders!“

Im Jahr 1936 veröffentlichte Maria Montessori ihre Monographie „Kinder sind anders“. Im italienischen Original heißt sie: „Il segreto del infanzia“  – „Das Geheimnis der Kindheit“.

Beide Titel sind gleichermaßen programmatisch: „Das Geheimnis der Kindheit“ drückt die innere Haltung Maria Montessoris aus: Obwohl sie sich immer auch mit den großen Denkern „unterhielt“ und bei diesen Inspiration suchte, war sie im Herzen Naturforscherin. Sie dachte sich kein pädagogisches Konzept aus, sondern kniete vor dem Kind, mit der Lupe in der Hand und versuchte zu verstehen, was sie sah.

Sie war einem Geheimnis auf der Spur, das man nur entdecken konnte. Einem Geheimnis, das wir nur allzu leicht übersehen, wenn wir uns nicht frei machen von Vorstellungen. Einem Geheimnis, das sich über viele Jahre hinweg entfaltet. Einem Geheimnis, das dem Pädagogen Demut abverlangt.

Gewissermaßen als Ergebnis ihrer Suche beschrieb Maria Montessori das Kind als „Baumeister seiner Selbst“. Diese Beschreibung sagt uns, dass wir dem Kind nicht nur nichts von Außen hinzufügen müssen, damit es Mensch werde. Nein, wir können es nicht und dürfen es nicht einmal versuchen!  Die Rolle des Pädagogen beschränkt sich darauf, …

  • Vorbild zu sein
  • alles Nötige bereitzuhalten und
  • nichts kaputt zu machen.

Der deutsche Titel betont einen anderen Aspekt: Kinder sind anders weist den Leser schon auf dem Deckel darauf hin, dass er sich auf Überraschungen gefasst machen darf. Anders —ohne präzisierendes „als“— verunsichert und macht eine Klammer auf, die das ganze Buch über nicht geschlossen werden wird. Mit jeder weiteren Seite dringen wir mit Maria Montessori tiefer ein in dieses Anders-Sein.

Wenn wir dann scheinbar alles wissen, was sie in jahrzehntelangem Beobachten und Darüber-Nachdenken entdeckte, fordert Maria auch weiterhin Demut: Sie drückt diese in dem Begriffspaar „Péripherie und Zentrum“ aus:

  • Péripherie: Der/die PädagogIn ist gut ausgebildet und weiß um die Stufen der Entwicklung des Kindes ganz allgemein. Er arbeitet mit dem, was er vom Kind –an der Pérpherie– wahrnimmt, und ahnt, was dieses als nächstes brauchen könnte. Sie rückt dieses potentielle „Nächste“ ins rechte Licht und beobachtet weiter. Versinkt das Kind mit dem Dargebotenen und vergisst die Welt um sich, war die Vermutung richtig. Wenn nicht, dann gilt es, noch genauer hinsehen.
  • Doch das Zentrum des Kindes, sein Herz, geht niemanden etwas an. Der/die PädagogIn muss sich jeder Interpretation enthalten.

Nota bene:
Wenn wir die „Schuld“ beim Kind suchen, wenn es etwas nicht versteht; wenn wir also die kognitiven Fähigkeiten des Kindes in Zweifel ziehen, IST das eine  Interpretation. Eine schwer wiegende noch dazu.

Kinder sind schon wieder anders!

Mehr als 80 Jahre sind vergangen und unzählige Pädagogen haben von Maria Montessori gelernt. Sie war die Forscherin, wir sind ihre Schüler. Ihre Entdeckungen sind unser Wissen. Vorsicht scheint also nur noch dahingehend geboten, dass wir dem einzelnen Kind sein Zentrum, sein Geheimnis lassen.

Der Titel dieses Buches „Kinder sind schon wieder anders“ will —ganz bewusst— erneut verunsichern. Er stellt unter anderem die provokante These auf, dass sich das Gehirn der Menschen an die rasanten Veränderungen der Welt angepasst und damit auch verändert hat. Nicht darin, wie es ist und sich entwickelt, sondern darin, wie es lernt. Nicht in dem Sinne, dass das Gehirn heute etwas könnte, zu was es früher noch nicht in der Lage war. Eher in den Sinn, dass es den Blumenstrauß der Möglichkeiten anders einsetzt, um mit der Unmenge an Daten, die heute jeden Augenblick auf es einprasseln, zurecht zu kommen.

__________

Dagmar hatte in Mathe bisher bestenfalls eine „4“ geschrieben. Trotzdem hatte sie es irgendwie bis in die Kollegstufe geschafft. Doch in einem Monat musste sie eine „2“ schreiben, sonst wäre das Projekt Abitur zu Ende. Es fehlte schlicht die Zeit für einen induktiven Lernansatz. Der einzige Trost war, dass das Thema Analytische Geometrie sehr anschaulich ist und darüber hinaus weitestgehend in sich abgeschlossen, womit die Altlasten Dagmars keine allzu große Rolle spielten.
Stundenlang saß sie mit dem Lehrer in der Ecke ihres Zimmers auf dem Boden. Mit Stiften (Geraden) und Heften (Ebenen) in der Hand diskutierte sie Lösungsstrategien für unterschiedliche Probleme. Erst nach 2 Wochen wurden diese dann in die Sprache der Mathematik übertragen. Dagmar schaffte die Prüfung und später auch das Abitur.

Stefan (7. Klasse) hatte Probleme mit der Parabel. Er ließ sich auf ein Abenteuer ein und lernte Funktionsgraphen zeichnen, auch solche, die nur wenige Leistungskürsler hätten zeichnen, und mit Sicherheit kein einziger hätte rechnen können: Ein paar Bruchstriche übereinander gemalt und nach Lust und Laune zuerst Funktionen und dann Zahlenwerte eingetragen.
Nach einigen intensiven Wochen erschien das Problem „Parabel“ lächerlich. Von jetzt an gehörte Stefan immer zu den besten.

Beide waren in wenigen Wochen um mehrere Zentimeter gewachsen, und erlebten Glück bei etwas, was sie bis dahin zutiefst abgelehnt hatten. Die Mathematik hatte zwei junge Menschen aufgerichtet. Doch was genau der Schlüssel war, das war alles andere als klar.

Mehr als 30 Jahre später machte ich sich der Lehrer auf die Suche und unterrichtete Schüler von der zweiten Klasse bis hinauf in den Leistungskurs. Die Strategie: Nie ist der Schüler schuld, wenn er nicht versteht. Der Lehrer hat es nur nicht so erklärt, dass er/sie  es verstehen kann. Immer mit mindestens einem Auge auf der Suche nach dem Augenblick, in dem die Tür aufgeht. Je scheinbar hoffnungsloser die „Fälle“, desto willkommener waren sie. Denn was die Macht hatte, Türen von Tresoren aufzuschließen, konnte vielleicht ein Schlüssel auch für alle anderen Schüler sein.

Jasmin –sie hatte Dyskalkulie– machte bei jedem erklärenden Wort zu. „Unterrichtet nicht den Menschen, unterrichtet das Tier!“ Diese Aufforderung eines Neurobiologen ließ den hilflosen Lehrer irgendwann auf Sprache ganz verzichten. Und plötzlich reichten vier schweigende Beispiele und Jasmin verstand.

Auch fast jeder andere Schüler trug mindestens ein kleines Stück zu diesem großen Puzzle bei. Den wichtigsten Schlüssel lieferte dann eine Dokumentation über Benoit Mandelbrot und die Bedeutung der Fraktale. Fraktale —so der Sprecher— kommen überall in der Natur vor: in Bergen, Blutgefäßen, Bäumen, Flüssen, Nerven, Wolken…. Ja sogar die Augen hüpfen in fraktalem Zickzack durch die Welt. „Wenn wir nur wüssten,“ —hieß es— „warum die Augen dieses tun, dann könnten wir viele Dinge so designen, dass sie deren  Bewegungen  entsprechen. Damit wären zum Beispiel Piloten in der Lage, die vielen Armaturen im Cockpit intuitiv zu erfassen.“

Warum Augen in fraktalem Zick-Zack durch die Landschaft hüpfen? War das am Ende der Dokumentation noch eine Frage? Das Gehirn sucht Muster!  Und Fraktale sind alles zugleich: die einfachsten, komplexesten, häufigsten und damit auch wichtigsten Strukturen, die die Natur zu bieten hat.

Ich lade Sie ein, Ihre sichersten Überzeugungen in eine Schublade zu legen und diese dann fest abzuschließen. Denn vieles, was Sie hören werden, wird genau das Gegenteil von dem sein, was sie für gute Pädagogik halten.

Doch Kinder waren schon immer und sind heute mehr denn je — anders!

 

PS: Vielleicht sollte ich Sie noch warnen: Lange werde ich von fast allem anderen reden, nur nicht davon, wie Fraktales Lernen  —so heißt die Pädagogik, die ich ihnen in diesem Buch vorstelle— denn nun funktioniert. Wir werden statt dessen Puzzle spielen. Leider fehlt das wichtigste Teil genau in er Mitte und es gibt keine Vorlage. Doch wenn wir erst einmal alle vorhandenen Teile zusammengesetzt haben, wissen wir trotzdem, wie das fehlende Teil aussehen muss und können es uns selber basteln.
Noch eine Metapher, die auch Lernprozess bei Fraktales Lernen selbst beschreibt: Stellen sie sich ihren Spiegel im Bad nach einer heißen Dusche vor. Er gleicht eher einer Milchglasscheibe. Leider haben sie kein trockenes Tuch zur Hand, um ihn freizulegen. Doch ihre Tochter hat den Lego-Puppenwischer in Bad liegen lassen. Sie könnten also versuchen, mit diesem den Niederschlag Zeile für Zeile (linear) wegzunehmen. Oder sie nutzen einfach Ihren Fön. Auch wenn sie dabei für eine kleine Weile keinen einzigen Punkt des Spiegels so klar sehen, wie wenn sie ihn freigewischt hätten, geht das deutlich schneller.

Ein Gedanke zu „Kinder sind schon wieder anders!“

Schreibe einen Kommentar