Biologisches Zwischenspiel

Biologisches Präludium

Im Rausch der Geschwindigkeit

Wir hatten einen Grund, dieses Buch nicht Kinder lernen schon wieder anders! zu betiteln! Doch um diesen zu verstehen, müssen wir einen Schritt zurücktreten und über den Menschen allgemein nachdenken. Denn seit mindestens 50 Jahren stellt die Welt an den, der überleben will, nie dagewesene Anforderungen. Nie war die Datenflut so groß. Nie haben sich Kulturen so schnell entwickelt. Nie lebten die Menschen in so vielen von diesen gleichzeitig.

Es fühlt sich an, als verdoppele sich nicht nur die Prozessor-geschwindigkeit der Computer alle 3 Jahre, sondern überhaupt die Geschwindigkeit, mit der die ganze Welt sich dreht. Den Älteren unter uns wird schwindlig und wie kleine Kinder, die beim Versteckspielen nicht gefunden werden wollen, machen wir die Augen zu. Die Generation jedoch, deren Gehirn noch plastisch ist,  spielt mit:

„-=Anakin=-“ –7. Klasse, 14 Jahre – hatte sich das Ziel gesetzt, in dem Online-Strategiespiel „Die Stämme“ unter mehr als 100.000 Spielern der Beste zu werden. Doch er wollte nicht einfach in einer der vielen Kategorien ganz oben stehen. Sein Ziel war: die  # 1 in allen Listen.  Gleichzeitig. Wir müssen also korrigieren: -=Anakin=- hatte sich das Ziel gesetzt, der Bestmögliche zu werden!

Bei „Die Stämme“ geht es unter anderem darum, Dörfer zu erobern. Wer nicht permanent online ist, geht das Risiko ein, in seiner Abwesenheit überfallen zu werden. Ohne gute Freunde und den Klan ist ein „Überleben“ unmöglich. Nicht wenige tun sich deshalb zusammen und „bespielen“ einen Account in drei Schichten, rund um die Uhr.

„-=Anakin=-“ spielte alleine. Dass er noch Schüler war, machte es nicht leichter. Am Vormittag saß er also in der Schule, und zu allem Überfluss schaltete am Nachmittag zu Hause nach drei Stunden der väterliche Router ab. Während -=Anakin=- also physisch hinter seiner Schulbank saß, plante er im Geist jeden seiner Züge auf die Sekunde genau voraus. Dass er dann zu Hause 600 Zeichen pro Minute ohne Fehler tippen konnte, war nicht gerade hinderlich. Doch das alleine würde nicht reichen. Er brauchte einen Clan und musste deren Führer sein, um alle Fäden ziehen und sein eigenes Schicksal selbst bestimmen zu können.

Es dauerte nicht lange und er war der Anführer des Stammes „Die Rüstigen Rentner“. Wer in diesen Kreis aufgenommen werden wollte, musste glaubhaft versichern können, über 50 Jahre alt zu sein. Über die Sorge um seine eigenen Dörfer und eigenes Wachstum hinaus schmiedete er Allianzen mit anderen Stämmen und musste innerhalb des eigenen Stammes dafür sorgen, dass alle in eine, alle in seine Richtung unterwegs waren. Und das, ohne dass auch nur irgendeiner Wind von seinem Plan bekäme und niemand seine Position im Stamm oder seinen Plan in Frage stellte.

Ende Mai des zweiten Jahres machte er früh morgens den Computer an. Über Nacht war viel passiert. An der Spitze aller Bestenlisten stand tatsächlich sein Name: -=Anakin=– Nicht seine Eltern, nicht seine Schulkameraden und auch nicht seine Stammesmitglieder oder Gegner hatten je Wind von diesem Ziel bekommen. Ein Screenshot für die Ewigkeit, dann loggte er sich aus. Nie wieder würde er sich einem Spiel derart verschreiben, das wusste er.

Leider lief er jetzt Gefahr, in ein paar Wochen zum zweiten Mal in Folge sitzen zu bleiben. Ende seiner Schulkarriere. Doch Unmöglichkeiten hatten ihn nie abgeschreckt. Im Gegenteil! Und obwohl er nur noch zwei Wochen Zeit hatte, um 2 Jahre Griechisch ganz von vorne nachzuholen und in der letzten Schulaufgabe eine „2“ zu schreiben, fing er trotzdem an. Er schrieb die „2“ und zwei weitere Wochen und vier Referate später war auch die letzte Hürde genommen und im Zeugnis stand nur noch eine „5“.
Noch drei Jahre lang zahlten seine virtuellen Kameraden ihm den Account, in der Hoffnung, dass er wiederkäme.

-=Anakin=- ist sicher nicht der Normalfall, weder im Guten noch im Schlechten. Fast zwei Jahre lang hielt jeder seiner Gedanken das virtuell gesetzte Ziel fest im Blick. Und doch lernte er auf dieser Reise Dinge, die viele erst als Erwachsene lernen, und die meisten gar nicht. Die wichtigste Lektion: Ich weiß, zu was ich fähig bin, wenn ich etwas wirklich will.

Hätte er sich ein weniger anspruchsvolles Spiel gewählt oder eines, das schneller ist und bei dem man intuitiv reagieren muss, eines, bei dem Planung, Strategie, Teamarbeit, Menschenführung, und dergleichen nicht auch noch nötig sind: der Einsatz wäre den Return nicht wert gewesen. Jahre hätte er verschenkt. Doch das soll hier nicht das Thema sein. Diese wahre Geschichte wollte uns nur dafür sensibilisieren, dass Geschwindigkeit sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Dem einen wird schwindlig, und der andere schläft aus Langeweile in der Schule ein, weil er Ressourcen nutzt, von denen der erste nicht mal weiß.

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