Zwei Wesen tanzen ach…

Zwei Wesen tanzen ach in meinen Kopf

Das Unbewusste in stärker als gedacht

Vor 800 Jahren war Thomas von Aquin der Meinung, jede Entscheidung würde einer rationalen Abwägung entspringen. Auch wenn wir heute darüber lächeln, wie weit neben der Realität die Meinung auch von großen Geistern sein kann, kommt in dieser Meinung eine Überzeugung zum Ausdruck, die vielleicht viele von uns —natürlich nur in abgeschwächter Form— teilen:

Der Mensch sitzt mittlerweile so weit draußen, dass sein Ast schon gar nicht mehr zum Baum gehört. Das Tier in ihm scheint halbwegs ausgerottet, wenigstens was (wichtige) Entscheidungen betrifft. Der Verstand ist stark in ihm und macht ihn zum größten, stärksten aller Lebewesen. 

Dass man Menschen mit Botschaften, die nicht bis in das Bewusstsein vordringen, manipulieren kann, scheint kein Gegenargument zu sein. Auch nicht, dass riesige Plakate, die auf Feldern stehen, dieselbe Wirkung haben können. Denn beide Beispiele erzählen uns nur etwas über die Gefahren, die da draußen lauern. Sie führen uns vor Augen, dass wir uns nur dann wehren können, wenn wir einen Angriff kommen sehen. Doch sie sagen nicht das geringste über das (interne) Verhältnis beider – Mensch und Tier.“

Aus ebendieser Haltung wurden noch vor 50 Jahren in Werbespots in möglichst kurzer Zeit möglichst viele rationale Gründe für den Kauf des feilgebotenen Produktes aufgezählt. Heute lernt jeder Marketing-Student bereits im Grundstudium, dass es allein um Emotionen geht. Um die richtige Geschichte. So haben die Werbungen zum Beispiel für Axe oder Jeans wenig bis gar nichts mit dem Produkt zu tun und alles mit dem, der diese kaufen soll. Und obwohl es für den Kauf von Zigaretten keine rationalen Gründe gibt, investieren die großen Zigarettenmarken Unsummen in Werbung. Sie erzählen den auf die Fortsetzung des Films oder den Bus Wartenden Geschichten von der großen Freiheit, dem wilden Westen und den Dächern von Paris.

Zigaretten-Anti-Werbung

Dann wollte der Gesetzgeber diese Art der Zigarettenwerbung nicht mehr hinnehmen. War der Meinung, der Verstand solle sich zur Wehr setzen. Verstörende Texte auf den Packungen wurden deshalb Pflicht:

  • „Rauchen macht hässlich.“
  • „Rauchen verursacht Krebs“
  • „Rauchen macht impotent“.

Doch wie es scheint, hatten diese Worte nicht die gewünschte Wirkung, denn heute prangen dort auch Bilder und appellieren an den Ekel. Comics verlieren sogar für viele Erwachsene nichts von ihrer Anziehungskraft, auch bei Hochbegabten, die doch sicher lesen können. Gregs Tagebücher waren und sind ein riesiger Erfolg. Kein Konzept, das zu lesen 15 Minuten in Anspruch nimmt, das heute nicht begleitet wird von einem Venn-Diagramm, das wir in 2 Sekunden sehen und in 1 Minute „verstehen“ können. Ohne schöne Bilder sind sogar Mathebücher nicht mehr denkbar. Auch wenn diese hier in vielen Fällen nur Verwirrung stiften. Doch dazu später mehr.

Wir haben das Tier in uns zurückgedrängt? Der Mensch fällt alle wichtigen Entscheidungen?  Tatsächlich? Genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Denn der Anteil der unbewussten Botschaften, die allerorts auf uns einprasseln, ist in den letzten Jahrzehnten sicher nicht ohne Grund merklich angestiegen. Und die Zigaretten-Anti-Werbung lässt uns folgern, dass sogar die Gesetzgeber heute der Meinung sind, nur Gegen-Emotionen könnten es mit Emotionen aufnehmen. Vielleicht werden ja sogar beim Autokauf oder in der Liebe die Entscheidungen emotional gefällt und die rationalen Argumente sind erst nachgeschoben, damit wir uns wenigstens bei diesen großen Entscheidungen weiterhin als Menschen fühlen?

Wecker

Noch vor Kurzem war das Schnarchen des Bett-Partners ebensowenig ein Grund, aufzuwachen, wie die vor dem Fenster vorbei donnernde Eisenbahn. Denn der, der entscheidet, was wichtiger ist, weiß um die Bedeutung tiefen Schlafes. Doch mit der Geburt des Kindes änderte sich schlagartig alles. Jetzt weckt schon ein leises Räuspern des Neugeborenen die junge Mutter. Besser gesagt: das Unbewusste weckt sie.

Stammtischgespräche

Der Grund, warum wir uns in lauter Umgebung immer noch unterhalten können, ist, dass unser Gehirn —die unbewusste Wahrnehmung— in der Lage ist, Richtung zu orten. Und da es auch Frequenzen unterscheiden kann, dimmt es gewissermaßen alle unwichtigen Informationen —solche also, die aus einer falschen Richtung kommen und in einer anderen Tonlage als der, der wir gerade unsere ganze Aufmerksamkeit schenken— ab.

Prüfungsstille

Sandra ist hochbegabt. Doch in Tests hatte sie lange ihre Schwierigkeiten, weil sie in der Prüfungsstille die 25 Stifte aller 25 Mitschüler auf dem Papier kratzen hörte und sich bei all dem Lärm nicht konzentrieren konnte.

BMW

Wer vor 30 Jahren einen BMW-Boxer fuhr, der hört auch heute noch selbige von weitem kommen, und das obwohl wenn er sich gerade angeregt mit seinen Freunden unterhält.

Dass die unbewusste Wahrnehmung dem Liebhaber Meldung macht, wenn ein Objekt seiner Begierde am Sinnes-Horizont erscheint, ist trotzdem keinen ganzen Absatz wert. Doch der ehemalige BMW-Fahrer erkennt auch neuere Modelle, sogar dann, wenn sie gar nicht fahren, sondern in der Ferne parken. Und er kann nicht einmal sagen, woran er sie erkennt. Wie es scheint, hat der unbewusste Zwilling ohne jeden Auftrag in den letzten 30 Jahren Buch geführt.

Kommunikationsprobleme (Der schwebende Stab)

In einem Schulungseminar zum Thema „Innovation und Teambuilding“ —die Teilnehmer sind allesamt Kollegen— findet eine Übung statt: die ca. 50 Personen werden in 2 Gruppen aufgeteilt. Die Hälfte von diesen steht sich im Reißverschlussverfahren immer um eine halbe Körperbreite verschoben gegenüber. Die Zeigefinger zeigen wie kleine Kinderpistolen nach vorne. Auf diese wird nun ein dünner, extrem leichter Plexiglas-Stab gelegt. Ziel der Übung: Den Stab auf dem Boden abzulegen, ohne dass ein einziger Finger den Kontakt verliert. Sollte das passieren, müsse die Gruppe von vorne beginnen. Diejenige Gruppe, die es als erste schaffen würde, hätte gewonnen.

Interessanter Weise sinkt keiner der beiden Stäbe. Sie steigen! Wie es scheint, haben alle Angst, der Grund für einen Fehlschlag zu sein. Das wiederholt sich eine ganze Weile. Unmut macht sich breit. Dann wird sogar der Schuldige identifiziert. Es ist der Kollege ganz am Anfang, wo der Stab immer am höchsten steigt: der neue Marketingleiter, der vor 6 Monaten eingestellt wurde. Kein Wunder, habe er sich doch die ganze Zeit nicht integrieren können.
Immer lauter, immer heftiger und immer ehrlicher werden die geäußerten Gedanken. Nach ca. 45 Minuten wird die Übung erfolglos abgebrochen.

In der Reflexion berichtet einer der beiden Trainer, der als Schiedsrichter an der Spitze über die Einhaltung der Regeln gewacht hatte, dass besagter Marketingleiter fast die gesamte Übung hinweg keinerlei Kontakt zu dem Plexiglas-Stab gehabt hatte. Denn er stand zitternd da und hörte, was seine Kollegen von ihm zu sagen hatten. Er konnte auf jeden nicht der Grund dafür gewesen sein, dass der Stab an diesem Ende stets nach oben ging.
Die für unsere Zwecke wirklich interessante Tatsache ist, dass zumindest diejenigen Kollegen, die unmittelbar nehmen ihm standen, dies hätten sehen müssen. Wie es schien, war ihr Wissen so sicher, dass sie blind und taub zugleich waren: blind, was die bewusste Wahrnehmung angeht. Und taub, da sie nicht auf ihren unbewussten Zwilling hören konnten oder wollten.

Zur Sicherheit sei hinzugefügt, dass diese wie auch alle anderen in diesem Buch erzählten Kurzgeschichten wahr sind. Und damit keiner Schlechtes von dem Trainer denkt, nach dem Motto: Hätte er doch eingegriffen und das ganze sofort aufgeklärt: Dieses Beispiel wurde genutzt, um die vergangenen 6 Monate zu reflektieren, Vorurteile, Haltungen und warum gute Ideen oft nicht umgesetzt werden. Am Ende war das Ergebnis wesentlich fruchtbarer, als wenn die Äußerung der Vorurteile im Keim erstickt worden wären.

Im Normalfall steht das Unbewusste im Dienst des Bewusstseins

Wenn wir wissen, was uns interessiert, sortiert der unbewusste Zwilling vor und liefert dem Bewussten all diejenigen Informationen, die interessant für ihn sein können. Er wacht über seinen Schlaf. Er reduziert die Unmenge an Informationen auf die für den Bruder erträgliche Dosis.
Er ordnet sich gewissermaßen unter und ist ein stummer Diener. Nicht der hölzerne, der im Schlafzimmer steht, um des nachts unsere Kleidung faltenfrei aufzubewahren, sondern ein lebendiger. Eher ein stummer Butler, der sich so sehr im Hintergrund hält, dass der Hausherr in den allermeisten Fällen ganz vergisst, dass es ihn gibt.
Das Unbewusste kümmert sich um all diejenigen Prozesse, die nebenher ablaufen: die Atmung, Verdauung, …. sie verstehen. Seine Domain sind auch Gewohnheiten. Nur Entscheidungen, die akut gefällt werden müssen, überlässt es dem Bewusstsein.

Sehen wir einem Pianisten bei der Übung zu:

  • Er übt zunächst —bewusst —jeden einzelnen Finger setzen. Macht sich Gedanken, welcher davon welche Taste spielt.
  • Dann fügt er die zwei Hände bzw. die vier Stimmen zusammen.
  • Er steigert die Geschwindigkeit.
  • Mit wachsender Komplexität und Geschwindigkeit übernimmt das Unbewusste vom Bewusstsein alle einstudierten Aufgaben, damit dieses sich auf Neues konzentrieren kann.
  • Irgendwann stellt sich der Virtuose nur noch den gewünschten Klang vor und die Finger laufen von alleine.

Ja, das Unbewusste ist eine stiller Butler, der dem Menschen hilft, sich zu fokussieren. Niemand muss, niemand kann ihm Befehle geben. Doch es wäre ein Fehler anzunehmen, er hätte keinen eigenen Willen. Maria Montessori hat sogar einen Namen für diesen: Hormé. Und manchmal, wenn der stumme Zwilling der Meinung ist, es sei wichtig, handelt er auch gegen den Willen des bewussten Bruders. Doch meistens flüstert er ihm Argumente ein, damit kein Zwist entsteht.

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