Wahrnehmungsstörungen

Bei schlechter Datenlage  kann das Unbewusste seine Aufgaben nicht erfüllen. (Wahrnehmungsstörungen)

Sandra hört Stifte kratzen.

Jonas für seinen Teil verwechselte in 70% aller Frequenzen die Ohren. Er hörte Töne links, auch wenn der Ohrenarzt sie ihm auf’s rechte Ohr schickte. Und umgekehrt. Doch das wussten seine Eltern nicht, als sie zum Arzt gingen. Ihre Gründe waren andere:
—Es gab keinen Moment, an dem sein Körper nicht von blauen Flecken übersäht war, denn er stolperte gerne über seine eigenen Beine. Für sich genommen, keiner Rede wert.
—Mit 5 Jahren war er bereits in der Lage, 1000er Puzzle zu legen. Und er spielte gerne Schach, denn während des Turniers herrschte weitestgehend Stille. Normale Eltern wären stolz.
—In der Sprachentwicklung hinkte er den anderen hinterher und verwechselte vorne mit hinten, oben mit unten, gestern mit morgen…
—Er hatte zunehmend Angst beim Klettern.
—Sobald Sprache und Umgebungsgeräusche beteiligt waren, war es dahin mit seinen Konzentration: Er hatte situationsbedingtes ADHS.

Der Kinderarzt überwies zur Sicherheit zum Audiologen. Der wies am EEG nach, dass die Töne, die er auf die Ohren schickte, tatsächlich in der angemessenen Zeit im Gehirn ankämen und attestierte, alles sei sei in bester Ordnung.
Der Psychologe testete den IQ: 80 Punkte, abgesehen von den Bereichen, in denen ausschließlich das Sehen angesprochen wurde. Hier waren es 110. Er gab den Eltern den gut gemeinten Rat, sich damit abzufinden und das Kind so zu lieben, wie es sei.

Doch wenn sich Jonas in Situationen, in denen die Ohren keine Rolle spielen, extrem gut konzentrieren kann, und in allen anderen nicht, wenn es außerdem Zeichen gibt, dass etwas mit dem Gleichgewichtssinn nicht stimmt, —so schloss der Vater— stimmt die Erklärung einfach nicht. Ein Jahr später wurde auf Rat einer Förder-Pädagogin ein Richtungs-Hörtest gemacht und ein „Verdratungs-Fehler“ entdeckt. Dieser konnte dann sogar behoben werden. Die nächsten beiden Tests mit einem und drei Jahren Abstand zeigten einen Sprung um 30 Punkte in allen Bereichen. Nur seine Höhenangst: die blieb.

Ob Sebastian (5. Klasse) auch hierher gehört ist nicht ganz klar. Er ist hochbegabt. Ab 9 Uhr hat er seit Jahren seine Emotionen nicht mehr im Griff und wird gewalttätig gegen seine Mitschüler und hatte deshalb eine persönliche Betreuerin. Er belegte den Werkstattkurs „Zaubermathe“: 14:00 – 15:30. In den ersten beiden Wochen saß seine Betreuung neben ihm. Dann blieb sie auf Wunsch des Lehrer probeweise draußen. Drei Wochen später kam sie für diesen Kurs gar nicht mehr. Sebastian war für den Rest des Jahres —im Gegensatz zu vielen anderen — ein Musterschüler.

Wahrnehmungsstörungen haben zur Folge, dass die eintreffenden Daten vom Unbewussten nicht richtig verarbeitet werden können. Bei Jonas sagten zum Beispiel die Augen, ein Geräusch käme von links, und die Ohren waren anderer Meinung. In solchen sensorisch widersprüchlichen Fällen kann das Unbewusste seine Wächterrolle nicht erfüllen. Es wagt nicht, eine Entscheidung zu treffen und stellt dann alle Daten an den Bruder durch. Welche natürlich völlig überfordert ist. Denn er bekommt gerade das zehntausendfache dessen, was er verarbeiten kann, angeboten.
Was bei Sandra der eigentliche Grund ist, ist uns nicht bekannt. Wäre ihr Gehirn ein Schaltschrank würden wir nach einem Bauteil suchen, das falsch eingebaut wurde. Es verstärkt die Kratzgeräusche, anstatt sie raus zu schneiden.

Eine Fliege hätte unsere einzelne Cola-Flasche auf keinen Fall übersehen. Denn sie ist Meisterin im schnelle Haken schlagen und sieht den Film als Diavortrag. Um sie zu fangen, müssen wir uns so langsam bewegen, dass sie die Unterschiede zwischen den Bildern nicht mehr sieht. Vielleicht nimmt ja auch Sebastian einfach nur viel zu schnell wahr. Vielleicht bekommt sein Gehirn also einfach nur zu wenig Daten und weiß nicht mehr, was los ist. Sein inneres Tier rebelliert, denn es sitzt in einer reizarmen Einzelzelle.
Was auch immer der Grund sein mag: Das Lehrkonzept am Nachmittag zeigte nichts in Reihenfolge, sondern alles auf einmal. Vielleicht konnten also Sebastians Augen und Sinne endlich auch im Unterricht im fraktalen Zickzack hüpfen.

Der blinde Fleck des Bewusstseins ist fast das ganze Bild

Der Gorilla

Ein Dutzend Menschen befinden sich auf einer Bühne. Sie laufen durcheinander und reichen in schneller Abfolge einen Ball weiter. Die am Rand sitzenden Probanden werden aufgefordert zu zählen, wie oft der Ball den Besitzer wechselt. Dann betritt eine als Gorilla verkleidete Person die Szenerie, läuft eine Weile kreuz und quer über die Bühne und verschwindet wieder.
Nur etwa 50% der hoch-konzentrierten Beobachter nimmt den Gorilla (bewusst) wahr.

Ähnliche Experimente mit gleichem Ergebnis gibt es viele. Menschen, die sich fokussieren können, sind in hierbei eine beliebte Probandengruppe.

Krebs

Zwei Medizinstudenten (Dativ) werden auf einem Bildschirm Bilder von gesunden und kranken Zellen gezeigt. Ohne dass sie vorher eine theoretische Einführung zu diesem Thema erhalten hätten, sollen sie entscheiden/lernen, welche davon gesund ist oder krank. Nach der Eingabe ihrer Vermutung über zwei Tasten („gesund“ — „krank“) teilt ihnen eine Lampe mit, ob sie richtig lagen. Das nächste Bild. Was die beiden nicht wissen: Der eine Student bekommt seine eigenen „Ergebnisse“ geliefert, der andere die Ergebnisse seines Kollegen.

Derjenige Student, dem seine eigenen Ergebnisse angezeigt wurden, lernte unbewusst. Er „wusste“ immer besser was er sah, doch be-wusste Argumente hatte er nicht viele. Sein Studien-Kollege hingegen sah sich immerzu gezwungen, Änderungen an seinem Konzept vorzunehmen und neue Argumente zu finden, die die letzte Lampe rechtfertigten. In seinem „Lernen“ spielte das Bewusstsein eine große Rolle.

Nach Ende von Phase 1 werden die beiden aufgefordert, sich auszutauschen und auf eine Theorie zu einigen. Sie wählten die komplexe —falsche— Theorie.

Banter Blitz Schach

In jüngster Zeit wurde ein Schachformat ins Leben gerufen, des den Zuschauer in den Mittelpunkt stellt: Banter Blitz ist eine Art kommentiertes Blitzschach (3 Minuten pro Partie), bei dem die zwei Kontrahenten verpflichtet sind, die live zugeschalteten Zuschauer während des Wettkampfes —„Best of 16“— an ihren Gedanken teilhaben zu lassen. Ein Turnier zieht sich über Monate hin und die Zuschauer können so an jeder einzelnen Partie hautnah dabei sein und quasi in die Gehirne der beiden Kontrahenten sehen.

Im Finale des 2019/20 stattfindenden Turniers standen sich Magnus Carlson und Alireza Firouzja gegenüber. Markus hat ein perfektes visuelles Gedächtnis und kann sich an so gut wie jede Partie (und Stellung) erinnern, die er je gespielt bzw. studiert hat. Er ist der derzeit beste Schachspieler im klassischen Format und einer der besten auch im Blitzschach. Magnus lieferte eine —für seinen Standard— schlechte Leistung ab und ließ dies auch seine Zuschauer wissen. Mehrfach verlor er eine Partie aus überlegener Position, immer wieder brachte er seine Verwunderung zum Ausdruck, warum er so schlecht spiele. Mehr als einmal kommentierte er: Es ist keine Zeit zu analysieren. Wenn ich nicht schneller spiele, werde ich verlieren. Eine Partie, in der auf seiner Uhr nur noch wenige Sekunden Zeit standen, während sein Gegner ein Mehrfaches davon zur Verfügung hatte, gewann er überraschend. Er setzte seinen Gegner mit 0,2 Sekunden auf der Uhr Matt. Es folgt ein emotionaler Ausbruch, wie wir ihn von Magnus Carlson –dem kühlen Strategen–  nicht gewohnt sind.

Werfen wir einen Blick von oben auf diese außergewöhnliche Format und sehen uns an, wie hier die Rollen von „Mensch“ und „Tier“ verteilt sind, denn Banter Blitz stellt an die Spieler Anforderungen wie kein anderes Format:
Beim klassischen Format haben die Spieler viel Zeit für strategische Überlegungen. Er gibt zwar Zeitlimits, innerhalb derer sie so und soviel Züge machen müssen, aber es ist eher ungewöhnlich, dass einem der Spieler die Zeit ausläuft. Ein Remis ist keine Seltenheit. Es gewinnt der Spieler, der die besseren Eröffnungskenntnisse hat und taktisch besser spielt. Hier spielt der Mensch.
Ganz anders beim Schnellschach (10 Minuten), Blitzschach (3 Minuten) , oder Bullet-Schach (1 Minute). Hier gibt es so gut wie immer einen Sieger, denn die Uhr tickt unerbittlich runter. Am Schluss gewinnt nicht unbedingt derjenige, der die bessere Stellung hat, sondern derjenige, der besser mit seiner Zeit haushalten kann, ohne Matt gesetzt zu werden. Derjenige also, der nicht zu viel überlegt aber auch keine Fehler macht, die es dem Gegner erlauben, ihn Matt zu setzen. Hier spielt das Tier.

Nun sind beim Banter Blitz die beiden Spieler dazu gezwungen, ihr eigenes Spiel zu kommentieren. Für die Kommentare jedoch ist der Mensch zuständig. In dem Moment also, in dem die Spieler ihren Mund auftun, greift der Mensch dem Tier gewissermaßen ins Lenkrad. Ist es da ein Wunder, dass Magnus immerzu versucht ist, zu kalkulieren und sich immerzu ermahnen muss, das nicht zu tun? Erst in den letzten Sekunden, wenn keine Zeit für Kalkulationen ist und auch keine für Kommentare, übernimmt wieder das Unbewusste und der Spieler kann seine ganze Stärke ausspielen.
Banter Blitz ist also eher mit dem Doppelformat Schachboxen zu vergleichen. Alle paar Minuten wechseln sich hier die beiden so widersprüchlichen Formate ab. Wollen wir Schwarz-Weiß malen, dann übernimmt beim Schachboxen das Tier den Part Boxen und der Mensch den Part Schach.  Leichter gesagt als getan, wenn in den Adern des Kämpfers Adrenalin fließt.
Beim Banter Blitz stehen —um im Vergleich zu bleiben— beide im Ring und beide am Brett. Kein Wunder, dass keiner der Kontrahenten auch nur annähernd sein A-Game zeigen kann.

Zusammenspiel zwischen dem Unbewussten und dem Bewusstsein

Im Unbewussten treffen alle Daten ein. Nur die wichtigen davon werden an den Bruder durchgestellt. Das Unbewusste —das Tier—  nimmt auf diese Weise dem Menschen eine Menge Arbeit ab. Es schafft eine Arbeitsumgebung, in der dieser im Grunde überhaupt erst funktionieren kann.
Doch damit das Unbewusste seinen Dienst erfüllen und es das Bewusstsein erfolgreich entlasten kann, müssen alle Sinnesdaten zueinander passen. Gibt es Unklarheiten in der Datenlage, hat dies zur Folge, dass der Mensch —das Bewusstsein— es mit viel zu vielen Daten zu tun bekommt. Er wird überlastet, seine Konzentrationsspanne wird sehr kurz und er wird reizbar.
Würden wir die unbewusste Wahrnehmung mit einer mehrdimensionalen Sinnes-Netzhaut vergleichen, mittels derer unser Gehirn alle Aspekte der Welt gleichzeitig aufzeichnet, dann gliche die bewusste Wahrnehmung einer Plattenspieler-Nadel. Sie konzentriert sich immer nur auf einen Punkt (zum Beispiel einen Ball) und sieht dann den Gorilla nicht. Sie übersieht deshalb auch, wie der Magier vor aller Augen einen der drei Becher hochhebt und die Orange darunter legt. Denn der Magier ist meister der Lenkung von Aufmerksamkeit. Mit einer Erfolgsquote von 50% wäre weder erzufrieden, noch ein Taschendieb.

Der Versuch mit den beiden Medizinstudenten zeigt, dass ein selbstbewusstes Bewusstsein dann, wenn es um Menschen-Wissen geht, immer nur auf Argumente hört. Von unbewusstem Wissen hält es nichts. Und manchmal ist da gar kein Ball oder irgend eine andere Realität, die unsere ganze Aufmerksamkeit gefangen nimmt. Manchmal ist das Bewusstsein schlicht so sehr überzeugt von seiner Meinung, dass es Dinge weiß, deren Gegenteil vor seinen Augen steht.

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