Unbewusstes Lernen

Das Unbewusste ist immer mit dabei

Wie also lernen Tiere? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir glücklicherweise keine esoterischen Überlegungen anstellen. Wir dürfen den Hunde- oder Pferdeflüsteren bei der Arbeit zusehen.
Um keine unnötigen Emotionen zu wecken, sei eindringlich angemerkt, dass es beim „Unbewussten Lernen“ nicht darum, geht, Kinder zu dressieren. Doch wir wären schlicht dumm, würden wir ignorieren, dass wir es immer auch mit dem Unbewussten zu tun haben. Denn kein Kind kann sein Unbewusstes im Schulhof an einen Baum binden, wo es artig auf die Rückkehr wartet. Nein! Das Innere Tier ist immer mit dabei! Solange es nicht in den Unterricht einbezogen wird, liegt es auf der Bank. Oder halb darunter. Wir können das an der Körperhaltung unserer Schüler sehen. Wird ihm langweilig, oder will es dem Menschen-Bruder etwas Gutes tun, dann zerrt es an der Leine und will raus.

Das Tier lernt nur, was wichtig ist

Wie schafft er es, dass das Pferd beim Aufsteigen stehen bleibt, wo es doch bisher immer ausgewichen ist. Und welcher Pädagogik folgt der Hundeflüsterer, damit wir unseren Liebling beim Gassigehen nicht jeden Augenblick überwachen müssen.
Im Moment ist für unsere Zwecke nur wichtig, was der Pferdeflüsterer am Ende der Unterrichtseinheit dem Besitzer mit auf den Weg gibt: Jetzt müssen sie diese Lektion noch 2 Wochen lang jeden Tag wiederholen: morgen 15 Minuten, dann 14, dann 13, …… 5, 4, 3, 2, 1.
Ähnliches weiß auch jeder Hundebesitzer zu berichten: „Regeln müssen immer gelten oder sie sind keine Regeln.“ Müsste der Hund nur an drei Tagen in der Woche am Bordstein halten, und an den anderen Tagen nicht, würde er im besten Falle immer nur Befehlen folgen. Die Leine zwischen ihm und seinem Herrchen wird niemals ohne Spannung sein.

Das Tier —das Unbewusste— nimmt alles wahr. Doch es lernt nur das, was wichtig ist. Wirklich wichtig! Und was nur an zwei Tagen in der Woche wichtig ist und an den anderen Tagen nicht, das ist eben nicht wichtig:

  • Dass Mathematik nur am Montag und am Donnerstag auf dem Stundenplan steht, …
  • dass die Kinder regelmäßig Ferien brauchen, …

…diese und andere pädagogischen Entscheidungen sind getragen von der Überzeugung, das Kind brauche vom Lernen Abstand. Erholung. Für den Mensch ist das tatsächlich so. Vor allem dann, wenn er in sich hin und hergerissen ist. Wenn er wochenlang einen nicht endenden Berg hinaufstrampelte, während der Zwillingsbruder hinten nicht nur die Füße hochlegte, sondern auch noch auf die Bremse trat.
Für das Unbewusste hingegen —das Tier— sind diese Pausen genau das Gegenteil: Sie signalisieren, dass das, was das siamesische Zwillings-Geschwister lernen muss, nicht wichtig ist. Und was nicht wichtig ist, kann auch nicht glücklich machen und wird auch nicht gelernt. Wenigstens nicht unbewusst. Bestenfalls schläft der 11.000.000-bit Computer. Schlimmstenfalls wehrt er sich.

Entdecken macht glücklich

Cosmin ist hochbegabt. Legt man ihm ein mathematisches Problem vor, dann krallt er sich an seinem Stuhl fest, fixiert mit den Augen den Text und dreht sie in regelmäßigen Abständen nachdenkend nach oben. Nach einigen Minuten der Kalkulation öffnet er den Mund und verkündet das Ergebnis, das natürlich richtig ist. Es hat nur einen Bruchteil der Zeit gedauert, die eine ganze Klasse brauchen würde. Doch er zeigt keine Freude. Warum sollte er sich auch freuen? Er weiß doch, zu was seine Intelligenz im Stand ist.

Dann wurde ihm ein geometrisches Rätsel vorgelegt, das er nicht mit Hilfe von Nachdenken und Kombinieren lösen konnte. Hierzu musste er eine Linie finden, die nicht sichtbar eingezeichnet war.
Lange starrte er auf das Blatt, immer wieder drauf und dran aufzugeben.  Nach ca. 45 Minuten begann er am ganzen Körper vor Freude und Aufregung zu zittern. Er schnappte nach Luft und war zunächst gar nicht in der Lage, einen Satz heraus zu bringen. Bis er endlich mit dem Finger zitternd dorthin deutete, wo er die unsichtbare Linie fand, die ihm helfen würde, die gesamte Form in rechenbare Teile zu zerlegen.

Der Mensch Cosmin kann sich nicht freuen, obwohl er allen Grund dazu hätte. Ob das daran liegt, dass er sich nicht mehr überraschen kann, oder daran, dass Menschen generell nicht in der Lage sind, sich zu freuen, weil dies die Aufgabe des Tieres ist, sei dahingestellt. Auf alle Fälle ist Freude eine Emotion und Gefühle sind die Sprache der Tiere. Das Tier hingegen –das Unbewusste– berechnet nichts. Es entdeckt. Und jede Entdeckung ist immer überraschend und immer einen Luftsprung wert.

Was wir aus den beiden unterschiedlichen Reaktionen Cosmins (keine Freude — im wahrsten Sinn atemberaubende Freude) schließen können, ist, dass er an mathematische Probleme vor allem als „Mensch“ herangeht. Leider kann er seine Lösung nur selten gut kommunizieren. Bei der Mathe-Olympiade ist für ihn deshalb in der Regel in der ersten Runde Schluss. Seit einem Jahr lernt er nun, bei der Lösung von mathematischen Problemen auch seine Augen zu nutzen. Bei jeder neuen Aufgabe macht er erneut die Erfahrung, dass Skizzen und zwei bunte Stifte noch viel mächtiger sein können, als sein messerscharfer Verstand. Und dass Lösungen entdecken glücklich macht. Und trotzdem verfällt er mit jeder neuen Aufgabe wieder neu in seine alten Muster, dreht seine Augen schief zur Decke und fängt an zu denken. Ohne einen Schubs von Seiten seines „Trainers“ macht er auch nach einem Jahr noch nicht die Augen auf.

Sehen hilft beiden

Schülern, die sich mit Mathe schwer tun, hilft es, wenn sie Zusammenhänge sehen dürfen. Wenn wir ihnen die im Grunde sehr wenigen Gemeinsamkeiten hinter hundert Formeln sichtbar machen.
Und obwohl so mancher Hochbegabte im Gegensatz zu ersteren kein Problem mit der Mathematik selbst hat, hilft es auch ihm, wenn er sehen — lernt.

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