2 Betriebssysteme

Kleine Raupe Nimmersatt

Fast müssen wir Maria Montessori mehr den Naturforschern zuordnen, als den Pädagogen. Denn sie denkt sich keine klugen Konzepte aus, sondern ist zuerst eine aufmerksame Beobachterin. Sie stellt sich nicht über die Kinder und sinnt einer Marionettenspielerin gleich darüber nach, wie diese bestmöglich laufen lernen.
Was vielleicht der eine oder andere nicht weiß, ist, dass einige ihrer wichtigsten Erkenntnisse von den Forschungsergebnissen ihrer Naturforscherkollegen angestoßen wurden. Die Entdeckung der Sensitiven Phasen und den Begriff selbst verdankt Maria Montessori dem holländischen Biologen Hugo de Vries: Dieser hatte beobachtet, dass sich eine bestimmte Raupenart „während ihrer ersten Lebenstage … nur von den zartesten Blättchen an den Enden der Zweige zu nähren vermag. Nun legt aber der Schmetterling seine Eier gerade an der entgegengesetzten Stelle, nämlich dort, wo der Ast aus dem Baumstamm hervorwächst, denn dieser Ort ist sicher und geschützt“.

De Vries widmete sich der Frage, wie die jungen Raupen es nun schaffen, ans Ende der Zweige zu gelangen und stellt fest, dass sie so lange eine besondere Empfindlichkeit für Licht besitzen, bis sie in der Lage sind, auch andere Nahrung zu sich zu nehmen.
Diese Erkenntnis wäre weitaus weniger bemerkenswert, wäre unsere Raupe ganz generell lichtempfindlich. De Vries aber fand heraus, dass die Raupe nur in der ersten Phase ihres Lebens lichtsensibel ist. Sobald sie sich auch auf andere Art ernähren kann, verliert sie diese Kompetenz. Oder sollen wir sagen: Sie verliert das Interesse?

Sensibilisiert für Sensitive Phasen stellt Maria Montessori fest, dass es solche auch für Menschen-Kinder gibt. Sie bilden gewissermaßen das Rückrad ihrer gesamten Pädagogik.

Zwei Betriebssysteme

Zu Beginn ihrer Monographie Kinder sind anders fasst Maria zusammen, was sie im Laufe der Jahrzehnte über den Menschen gelernt hat. Dem Zusammenspiel des Bewusstseins mit dem Unbewussten widmet sie ein ganzes Kapitel und nennt es „Biologisches Zwischenspiel“. Darin beschreibt sie, dass wir —abgesehen von unserem Körper— alles in zweifacher Ausführung besitzen. Ich will deshalb auf eine eigene Darstellung verzichten, und jeweils in einem Satz Maria selbst zu Wort kommen lassen, was ihr natürlich nicht gerecht wird.

Wille

…„Ein anderer vitaler Faktor des Geistes ist der innere Drang, eine Handlung zur Vollendung zu bringen, er gehört zu dem, was man „élan vital“ nennt. …Diese Kraft bringt die Kinder in unseren Schulen dazu, spontan zu arbeiten, indem sie hartnäckig die gleiche Erfahrung wiederholen, bis sie völlig zufrieden sind. …  Sie wird manchmal Lebenswille genannt. … In Wirklichkeit findet sich der élan vital in jeder Facette des Lebens, und wenn er in die bewusste Schicht des Geistes auftaucht, wird er ein willkürlicher Faktor, wie der Wille. Der weit größere unbewusste vitale Drang wird heute von Psychologen „Hormé“ bezeichnet, deren Feld im Vergleich mit dem bewussten Willen so weit ist, wie das der Mneme im Vergleich mit dem Gedächtnis.“ …

Gedächtnis

… „Diese unterbewusste Erinnerung besitzt eine wunderbare Beweglichkeit. Alles ist in ihr aufgezeichnet, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.… Ein gebildeter Mensch mag keine Erinnerung an viele in der Schule gelernte Dinge haben, aber er besitzt Intelligenz, eine Kraft schnellen Begreifens derjenigen Gegenstände, die durch die Mneme festgehalten worden sind. Es ist also nicht die Erfahrungen an sich, sondern ihre in der Mneme zurückgebliebenen Spuren, die einen Geist kraftvoll machen. Diese Spuren sind auch als Engramme bekannt.“ …

Intelligenz

… „So kann man sagen, dass jeder Mensch seine intelligenteste Tätigkeit im Unterbewussten vollbringt, wo die Engramme psychische Komplexe aufbauen. Sie schaffen mehr als eine Gedankenverbindung, denn sie organisieren sich selbst um eine Arbeit auszuführen, die wir nicht bewusst leisten können. … Die Wirkweise dieser Komplexe ist für die Bildung von immenser Bedeutung.“ …

Vor allem die zuletzt zitierte Aussage lässt uns ahnen, dass Maria Montessori die Leistungen des Unbewussten in so mancher Beziehung höher einschätzt als die des Bewusstseins. Und indem sie das Kapitel „Biologisches Zwischenspiel“ betitelt, deutet sie an, dass sie in diesem „2. Betriebssystem“ weniger den Menschen, als die Natur selbst am Werk sieht. Fassen wir also zusammen:

  • Wir nehmen bewusst wahr und unbewusst.
  • Wir haben einen bewussten Willen und einen unbewussten Drang.(Hormé)
  • Wir lernen bewusst und unbewusst.
  • Wir handeln bewusst und unbewusst.
  • Last but noch least haben wir zweierlei Gedächtnis: ein bewusstes und ein unbewusstes. (Engrammata, Mneme)

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