Entscheidungen

Unwissenheit schützt vor Entscheidung nicht

Werbung im Kino und am Straßenrand (Sehen)

Wenn vor unseren Augen mehr als 50 Bilder pro Sekunde ablaufen, kann das Gehirn nicht mehr zwischen diesen unterschieden, und hält sie für Bewegung. Die Filmemacher sparen sich noch einmal die Hälfte davon, indem sie einfach jedes Bild verdoppeln. Denn der Unterschied zwischen den Bildern bei 25 Aufnahmen pro Sekunde ist zu klein, um ins Gewicht zu fallen. Fügt man nun zwischen all diese vielen Bilder sporadisch Artefakte ein —eine vereinzelt wiederkehrende Colaflasche zum Beispiel— dann nimmt keiner der Zuschauer im Kino diese (bewusst) wahr. Und doch werden in der Filmpause überdurchschnittlich viele Colaflaschen verkauft.

Werbung, die wir nicht bewusst wahrnehmen können, ist deshalb verboten, denn wenn wir eine Botschaft nicht bewusst wahrnehmen, dann können wir auch keine rationale Stellung zu ihr beziehen. Wir können uns nicht wehren und  haben nicht die Freiheit, uns zu fragen, ob wir lieber eine Cola trinken wollen, oder eine Bionade. Oder gar nichts.
Werbung in Bushaltestellen ist hingegen nicht verboten, weil die Wartenden wissen, dass und wofür geworben wird. Wenn der Gesetzgeber hier nicht eingreift, unterstellt er, wir hätten die Freiheit, uns zu entscheiden.
Warum gibt es eigentlich Werbe-Kampagnen, die in verschiedenen Bushaltestellen ähnliche und doch verschiedene Werbeplakate zeigen, alle mit derselben Botschaft? Für die vorbei rasenden Autofahrer scheint ein Film zu laufen. Wie sieht es mit Ihrer Freiheit aus? Denn sie sind gesetzlich dazu verpflichtet, auf den Verkehr zu achten und nehmen —wie uns das Beispiel mit der Colaflasche zeigt— trotzdem alles wahr? Nur nicht bewusst.

Bei genauerem Hinsehen macht es also keinen Unterschied, ob sich das Bild oder aber unser Autofahrer rasend schnell bewegt. Wollte er konsequent sein, müsste der Gesetzgeber also auch Werbeflächen am Straßenrand verbieten. Denn dass einige die Botschaften bewusst wahrnehmen, ist kein Grund, nicht alle anderen zu schützen.

Sitzplatz (Riechen)

Die Entscheidungen von Probanden bei der Platzwahl in einem Stuhlkreis korrelieren statistisch betrachtet signifikant, wenn die Stühle zuvor geruchlich „markiert“ wurden. Und das auch dann, wenn der Geruch so fein ist, dass die Probanden nichts davon wissen.

Schlafkontakt (Fühlen)

Verlieren kleine Kinder im Schlaf den Körperkontakt —natürlich nur dann, wenn sie im Elternbett schlafen—, stellen sie diesen, ganz ohne aufzuwachen, wieder her.

Die Ohren schlafen nie (Hören)

Wenn Erwachsene schlafen gehen, legen sie sich vertrauensvoll in die Hände des Unbewussten und überlassen diesem die Entscheidung, ob es sie bei einem Geräusch wecken wird oder nicht. Ja es heißt, dass sogar Koma-Patienten alles verstehen, was in ihrem Krankenzimmer gesprochen wird. Sollte der Patient also wie erhofft irgendwann aufwachen, dürfen wir uns gegebenenfalls nicht wundern, wenn wir Jahre später feststellen, dass wir aus seinem Testament gestrichen wurden.

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Es ist nicht verboten, unserem Kind dann, wenn es tief und fest schläft, einen Kuss zu geben und ihm zu sagen, dass wir es lieben. Wir dürfen sicher sein, dass auch diese Geste tief verankert wird.

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