Sprache lernen…

Sprechen lernen heißt denken lernen

Wenn es darum geht, bei welchem der beiden Zwillinge —Mensch oder Tier— Kompetenzen angesiedelt sind, hat die Sprache eine Sonderrolle: Die Muttersprache lernt das Kleinkind, ohne dass ihm jemand etwas erklären würde. Sie ist deshalb tief im Unbewussten verankert und dient doch dem Bewusstsein dazu, sich auszudrücken. Doch nur selten lässt das Bewusstsein auch seinen unbewussten Bruder zu Wort kommen. Natürlich nicht bewusst, sondern aus Versehen und dann kann es peinlich werden.
Die Frage, wer von beiden überhaupt sprechen kann, liefert eine überraschenden Antwort: Beide! Doch eines sollten wir vermeiden: Hier vom Tier zu sprechen. Denn. Tiere sprechen nicht! Beide können sprechen: Das Bewusstsein und das Unbewusste.

Alexander von Humboldt beschreibt eine der wichtigsten Früchte von Sprache wie folgt:

Sprechen lernen heißt denken lernen.

Vermutlich unterschied er nicht nach bewusster und unbewusster Sprache und drückt in diesem Satz einfach nur aus, wie intim Sprechen-Können und Denken-Können miteinander verwoben sind. Beides macht den Menschen zu Menschen und das eine ohne ist ohne das andere nicht möglich / denkbar.
Dieser so prägnante Satz beantwortet auch die Frage, die viele Kinder ihren Eltern oder Lehrern stellen:

Warum muss ich lernen, was ich bereits kann?
Was hilft es, wenn ich weiß, was Pronomen sind und dass auch diese gebeugt werden, wo ich doch keine Fehler mache?

Eben noch schien nichts abwegiger, als dass auch das Tier sprechen könne. Und doch kann ich diese Fragen erst dann beantworten, wenn ich das Begriffspaar, das ich eben noch aus diesem Thema verbannt hatte, wieder einführe. Mehr noch, auch ich selbst kann erst jetzt die Antwort fühlen: Auch dein „Mensch“ muss sprechen lernen. Und ich erinnere mich daran, dass einen Zelluloid-Ball mit zwei „Schlägern“ über ein Netz hin und her zu spielen für mich, der dies im Verein tat, alles war, nur kein Tischtennis.

Und wenn Humboldt Recht hat; wenn Sprechen-Können und Denken-Können so intim miteinander verwoben sind und das eine ohne das andere nicht „denkbar“ ist, dann bringt er die Antwort auf den Punkt: Sprechen lernen heißt denken lernen. Doch vielleicht sollten wir etwas präziser formulieren:

Unbewusste Sprache ins Bewusstsein heben heißt denken lernen. 

Nehmen wir ein Bild zu Hilfe: Drei Bälle jonglieren können wir in fünf Minuten lernen. Und nach einer halben Stunde sind wir vielleicht schon in der Lage, vier Bälle in der Luft zu halten. Doch mit dem fünften ändert sich buchstäblich alles: Jetzt ist Präzision gefragt. Unbewusste Präzision. Also heißt es wieder ganz von vorne anzufangen. Bewusst! Bei einem einzigen Ball! Und sich dann ganz langsam hoch zu arbeiten. 18 bis 24 Monate lang jeden Tag für paar Stunden.

Wollen wir mit Worten mehr als Klimpern, mehr als nur ausdrücken, was uns gerade beschäftigt, wie wir uns fühlen oder welche Bilder uns durch den Kopf schießen; wollen wir uns mit ihrer Hilfe hoch über diese Welt erheben und sie gewissermaßen von oben betrachten; wollen wir uns Gedanken über Zusammenhänge machen, die wir nicht mit unseren Augen sehen können; wollen wir —frei nach Nietzsche— „Musik erklingen“ lassen, dann müssen wir die Bedeutung jeder Wortart kennen, jede grammatikalischen Finesse und die Funktion der Worte in dem ganzen Satz.
Auch jetzt müssen wir ganz von vorne anfangen. Bewusst! Wie ein Bücherwurm müssen wir uns durch die Grammatik unserer Sprache bohren. Auf diese Weise lernen wir, …

  • welche Aspekte andere Menschen vor uns wahrgenommen und mitgedacht haben.
  • dass die Fälle nichts mit Geben und Anklagen zu tun haben, sondern dass sie Ort und Richtung ausdrücken;
  • dass uns die Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) erst mit dem Konzept des Andauerns und der Abgeschlossenheit erlauben, Geschichten zu erzählen. Dass letzteres also nicht nur eine Finesse darstellen, sondern fast noch wichtiger sind als Zeiten, finden sie sich doch sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft wieder.

Überhaupt jede grammatikalische Regel hat ihren Grund in etwas Besonderem, in etwas so Wichtigem, dass es sogar Eingang in die Grundstrukturen unserer Sprache fand. Sprache bewusst sprechen lernen heißt also auch wahrnehmen lernen. Denn nur was wir wahrnehmen, können wir auch denken.

Die meisten Dinge lernen Menschen zuerst bewusst und dann unbewusst. Auch der Pianist –will er ein Virtuose werden– hält inne und macht sich Gedanken über jeden einzelnen Finger. Sie sind sein Orchester, sein Bewusstsein ist der Dirigent. Mit der Sprache jedoch ist es genau anders rum: Das Kind lernt Sprache —es kann gar nicht anders sein— zuerst unbewusst. Will es dann mit ihrer Hilfe fliegen lernen, sieht es sich aufgefordert, sie auch bewusst zu lernen. Doch das Kind hat Humbold nie gelesen und fragt sich, warum es etwas lernen soll, was es bereits kann. Ein Missverständnis.

Maria Montessori hat einen wunderbaren Weg entwickelt, wie sogar pubertierende Jugendliche Freude daran haben, ihre Muttersprache mit dem Geist zu durchdringen. Sie erleben Glück dabei, Wortarten und deren Funktionen zu verstehen und Sätze zu analysieren. Für diejenigen jedoch, die ihre Methoden nicht kennen, übernimmt diese Rolle das Erlernen der ersten Fremdsprache. Denn ohne sich dessen bewusst zu sein, dringen sie beim Studium der fremden Sprache auch in die eigene ein.

Peter ist von Geburt Lette und kam im Alter von 5 Jahren nach Deutschland. Er ging auf ein humanistisches Gymnasium. In der 7. Klasse, —er war in seinem dritten Jahr „Latein“— kam er ganz aufgeregt aus der Schule heim und es sprudelte aus ihm heraus: „Heute habe ich Lettisch verstanden.“ Wessen er sich in diesem Moment nicht bewusst war: Er hatte auch Deutsch verstanden.

Dumm nur, wenn die erste Fremdsprache ganz andere Strukturen trägt, als die eigene Muttersprache. Wenn in der Muttersprache die wichtigsten Strukturen in den Worten selbst liegen (Deklination und Konjugation) während diese Informationen in der Fremdsprache in die Syntax eingewoben sind.  Wenn in der eigenen Geschlechter unterschieden werden, in der fremden nicht. Wenn in der eigenen Sprache die Grenzen zwischen den Wortarten scharfe Linien sind, während in der fremden Sprache erst die Stellung sagt, ob hier ein Nomen seht, Verbum oder Adjektiv.
Denn dann kommen die Kinder zu der Überzeugung, es ginge beim Erlernen der ersten Fremdsprache „nur“ darum, sich mit Menschen in fremden Ländern, die sie nie gesehen haben, unterhalten zu können. Und sie übersehen, dass es beim Sprache lernen gar nicht um die Welt geht, sondern um sie selbst.

Wenn die Kinder in der Schule also zuerst eine lebendige Sprache lernen, die so gut wie nichts mehr über die eigene Sprache erzählt, wenn sie diese vielleicht sogar unbewusst lernen, dann vergrößern sie zwar die Menge der Menschen, mit denen sie sich unterhalten können. Aber sie jonglieren dann auch weiterhin mehr schlecht als Recht mit nur drei Bällen.
Und ich bin zum ersten Mal froh darüber, dass ich Latein lernen musste und dass ich fünf mal die Woche Doppelstunden hatte: Deutsch / Latein. Und ich bin dankbar dafür, dass ich als erstes eine Sprache lernte, die zwar tot war, doch mir besser als alle anderen meine eigene zum Leben erwecken konnte.

Psychologie vs. Neuro-Biologie

Wie bei vermutlich keinem anderen Thema kommt beim Erlernen der Schriftsprache zum Ausdruck, wo die Unterschiede zwischen der Psychologie und der Neuro-Biologie liegen.
Vor 100 Jahren war nicht nur der Gang zur Schule Zwang, sondern Lernen in der Schule auch noch Drill. Das war damals auch nicht ganz so dramatisch, da der Mensch ganz allgemein und somit auch das Kind ganz generell bei so vielem nicht gefragt wurde. Persönliche Freiheit spielte einfach eine andere Rolle als heute.
Seitdem hat sich das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft stark verändert. Persönliche Freiheit steht für viele heute über allen anderen Werten. Das Verhältnis von Lehrer und Schüler blieb davon natürlich nicht unberührt. Die Rolle des Lehrers und die Bücher mussten einladender werden. Viele Lehrer schreiben heute nicht mehr rot, sondern grün. Aus lern-psychologischen Gründen darf das Kind deshalb heute vielerorts den Zeitpunkt, an dem es die Rechtschreibregeln übernimmt, selbst bestimmen.

Leider werden nun die Prinzipien, nach denen das Unbewusste —das Tier— lernt, missachtet. Psychologisch betrachtet machen wir heute vieles besser, doch wir verstoßen –ohne uns denen bewusst zu sein– gegen fundamentale Gesetze, nach denen das Gehirn lernt. Denn unser Gehirn ist nichts anderes, als eine hochspezialisierte Struktur-Erkennungs-Maschine. Und es lernt, –die Pferde- und Hundeflüsterer habe es uns verraten— nur das, was wirklich wichtig ist!

Der Pianist übt zuerst den Fingersatz. Er speichert Ort und Reihenfolge und Kraft der Finger in seinem Muskelgedächtnis. Dann muss er sich später nicht mehr um technische Fragen kümmern und kann der Interpretation, dem Sinn und Inhalt seine ganze Aufmerksamkeit schenken.
Ganz ähnlich ist es, wenn die SchülerInnen Texte verfassen. Auch sie sind außer Stande, auf beides gleichzeitig zu achten: Rechtschreibung und Inhalt. Doch während der Pianist ohne Probleme falsche Töne auch dann noch identifiziert wenn er sich auf den Ausdruck konzentriert, bleiben RechtschreibFehler unerkannt: und mit jeder weiteren fehlerhaften Variante lernt das Unbewusste, dass es keine Regeln gibt.

Wenn wir dem Kind die Freiheit lassen, zu entscheiden, wann es endlich nach den Regeln schreibt, sehen sie dieselben Worte bis zu diesem Zeitpunkt immer auch auf andere Weise. Es ist wie mit dem Hund, der an vier Tagen der Woche am Bordstein halten muss und an drei Tagen nicht. Nur dass es bei Rechtschreibfehlern noch etwas komplizierter ist. Denn um zu wissen was falsch ist, müssen wir ja bereits auch wissen, wie es richtig heißt. Wenn also das Gehirn dieselben Worte in 3, 4, 5 verschiedenen Varianten sieht, löst sich für das Tier jegliche Struktur auf. Die Rechtschreibregeln werden nicht nur nicht beachtet, sondern der Schüler lernt (unbewusst), dass es keine Regeln gibt.

Dass die Lehrer und die Eltern da anderer Meinung sind, ist kein Gegenargument. Denn sie drücken ihre Meinung „nur“ in Worten aus. Und die  Mahnung und die rote Welle unter dem Wort adressieren beide das Bewusstsein (=Mensch). Das Unbewusste (=das Tier) lassen derartige Ermahnungen völlig unberührt. Wenigstens was Rechtschreibregeln angeht. Denn es lernt immer nur mittels seiner eigenen Sinne. In unserem Fall von dem, was es selber sieht. Und was es selber schreibt, ist ihm an nächsten.

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