Sprache lernen…

Sprechen lernen heißt denken lernen

Wenn es darum geht, bei welchem der beiden Zwillinge —Mensch oder Tier— Kompetenzen angesiedelt sind, hat die Sprache eine Sonderrolle: Die Muttersprache lernt das Kleinkind ohne dass ihm jemand etwas erklären würde. Sie ist deshalb tief im Unbewussten verankert und dient doch dem Bewusstsein dazu, sich auszudrücken. Alexander von Humbold beschreibt eine der wichtigsten Früchte von Sprache wie folgt:

Sprechen lernen heißt denken lernen.

Unzweifelhaft sind Worte und Sätze die Grundlage allen Denkens. Doch wenn dieses mehr sein soll als eine Fähigkeit, die alle Menschen irgendwie verbindet, mehr als der Aus-druck unseres inneren Befindens, wenn es um Meisterschaft im Sich-in-Gedanken-über-alle-Wolken-Schrauben geht, dann müssen wir genauer formulieren:

Unbewusste-Sprache-ins-Bewusstsein-heben heißt denken lernen. 

Nehmen wir ein Bild zu Hilfe: Drei Bälle jonglieren können wir in nur Minuten lernen. Und nach einer halben Stunde sind wir in der Lage, sogar schon vier Bälle in der Luft zu halten. Doch mit dem fünften ändert sich buchstäblich alles: Jetzt ist  Präzision gefragt. Unbewusste Präzision. Also heißt es wieder ganz von vorne anzufangen. Bewusst! Bei einem einzigen Ball! Und sich dann ganz langsam hoch zu arbeiten. 18 bis 24 Monate lang jeden mindestens zwei Stunden lang.

Wollen wir mit Worten mehr als Klimpern, mehr als nur ausdrücken, was uns gerade beschäftigt, wie wir uns fühlen oder welche Bilder uns durch den Kopf schießen; wollen wir uns mit ihrer Hilfe hoch über diese Welt erheben und sie gewissermaßen von oben betrachten; wollen wir uns Gedanken über Zusammenhänge machen, die wir nicht mit unseren Augen sehen können, wollen wir frei nach Nietzsche „Musik erklingen“ lassen, dann müssen wir die Bedeutung jeder Wortart kennen, jede grammatikalischen Finesse und die Funktion der Worte in dem ganzen Satz.
Auch jetzt müssen wir ganz von vorne anfangen. Bewusst! Wie ein Bücherwurm müssen wir uns durch die Grammatik unserer Sprache bohren, müssen uns ihrer Strukturen bewusst werden.

Auf diese Weise lernen wir, …

  • welche Aspekte andere Menschen vor uns wahrgenommen und mitgedacht haben.
  • dass die Fälle nichts mit Geben und Anklagen zu tun haben, sondern dass sie Ort und Richtung ausdrücken;
  • dass uns die Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) erst mit dem Konzept des Andauerns und der Abgeschlossenheit erlauben, Geschichten zu erzählen. Dass letzteres nicht nur eine Finesse darstellen, sondern fast noch wichtiger sind als Zeiten, finden sie sich doch sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft wieder.

Überhaupt jede grammatikalische Regel hat ihren Grund in etwas Besonderem, in etwas so Wichtigem, so dass es sogar Eingang in die Grundstrukturen unserer Sprache fand. Sprache bewusst sprechen lernen heißt also auch wahrnehmen lernen. Denn nur was wir wahrnehmen, können wir auch denken.

Die meisten Dinge lernen Menschen zuerst bewusst und dann unbewusst. Auch der Pianist –will er ein Virtuose werden– hält inne und macht sich Gedanken über jeden einzelnen Finger. Sie sind sein Orchester, sein Bewusstsein ist der Dirigent.
Mit der Sprache jedoch ist es genau anders rum: Das Kind lernt Sprache —es kann gar nicht anders sein— zuerst unbewusst. Will es mit ihrer Hilfe fliegen lernen, sieht es sich später aufgefordert, sie auch bewusst zu lernen. Doch das Kind hat Humbold nie gelesen und fragt sich, warum es etwas lernen soll, was es bereits kann. Ein Missverständnis.

Maria Montessori hat einen wunderbaren Weg entwickelt, wie die Kinder Freude daran haben, ihre Muttersprache mit dem Geist zu durchdringen. Wie sie Glück dabei erleben, Wortarten und deren Funktionen zu verstehen und Sätze zu analysieren. Für diejenigen jedoch, die ihre Methode nicht kennen, übernimmt diese Rolle das Erlernen der ersten Fremdsprache. Denn ohne sich dessen bewusst zu sein, dringen sie beim Studium der fremden Sprache auch in die eigene ein.

Peter ist von Geburt Lette und kam im Alter von 5 Jahren nach Deutschland. Er ging auf ein humanistisches Gymnasium. In der 7. Klasse, —er war in seinem dritten Jahr „Latein“— kam er ganz aufgeregt aus der Schule heim und es sprudelte aus ihm heraus: „Heute habe ich Lettisch verstanden.“ Wessen er sich in diesem Moment nicht bewusst war: Er hatte auch Deutsch verstanden.

Dumm nur, wenn die erste Fremdsprache ganz andere Strukturen trägt, als die eigene Muttersprache. Wenn in dieser die wichtigen Strukturen in den Worten liegen, während sich in der Fremdsprache ebenjene kaum verändern und darüber hinaus auch noch der Unterschied zwischen den Wortarten fließend ist. Denn dann kommen die Kinder zu der Überzeugung, es ginge beim Erlernen der ersten Fremdsprache und bei Sprachen allgemein tatsächlich „nur“ darum, sich mit Menschen auf der ganzen Welt unterhalten zu können. Was sicher auch der Fall ist. Doch wenn wir werten wollen, dann ist das „nur“ ein Bonus.

Psychologie vs. Neuro-Biologie

Wie bei vermutlich keinem anderen Thema kommt beim Erlernen der Schriftsprache zum Ausdruck, wo die Unterschiede zwischen der Psychologie und der Neuro-Biologie liegen. Denn eingebettet in eine Pädagogik können sie einander fundamental widersprechen.

Vor 100 Jahren war nicht nur der Gang zur Schule Zwang, sondern Lernen in der Schule auch noch Drill. Das war damals auch nicht ganz so dramatisch, da der Mensch ganz allgemein und somit auch das Kind ganz generell bei so vielem nicht gefragt wurde. Persönliche Freiheit spielte einfach eine andere Rolle als heute.
Seitdem hat sich das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft stark verändert. Persönliche Freiheit steht für viele heute über allen anderen Werten. Das Verhältnis von Lehrer und Schüler blieb davon natürlich nicht unberührt. Die Rolle des Lehrers und die Bücher mussten einladender werden. Viele Lehrer schreiben heute nicht mehr rot, sondern grün. Aus lern-psychologischen Gründen darf das Kind deshalb heute vielerorts den Zeitpunkt, an dem es die Rechtschreibregeln übernimmt, selbst bestimmen.

Leider werden nun die Prinzipien, nach denen das Unbewusste —das Tier— lernt, missachtet. Psychologisch betrachtet machen wir heute vieles besser, doch wir verstoßen –ohne uns denen bewusst zu sein– gegen fundamentale Gesetze, nach denen das Gehirn lernt. Denn unser Gehirn ist nichts anderes, als eine hochspezialisierte Struktur-Erkennungs-Maschine. Und es lernt, –die Pferde- und Hundeflüsterer habe es uns verraten— nur das, was wirklich wichtig ist!

Der Pianist übt zuerst den Fingersatz. Er speichert Ort und Reihenfolge und Kraft der Finger in seinem Muskelgedächtnis. Dann muss er sich später nicht mehr um technische Fragen kümmern und kann der Interpretation, dem Sinn und Inhalt seine ganze Aufmerksamkeit schenken.
Ganz ähnlich ist es, wenn die SchülerInnen Texte verfassen. Auch sie sind außer Stande, auf beides gleichzeitig zu achten: Rechtschreibung und Inhalt. Doch während der Pianist ohne Probleme falsche Töne auch dann noch identifiziert wenn er sich auf den Ausdruck konzentriert, bleiben RechtschreibFehler unerkannt: und mit jeder weiteren fehlerhaften Variante lernt das Unbewusste, dass es keine Regeln gibt.

Wenn wir dem Kind die Freiheit lassen, zu entscheiden, wann es endlich nach den Regeln schreibt, sehen sie dieselben Worte bis zu diesem Zeitpunkt immer auch auf andere Weise. Es ist wie mit dem Hund, der an vier Tagen der Woche am Bordstein halten muss und an drei Tagen nicht. Nur dass es bei Rechtschreibfehlern noch etwas komplizierter ist. Denn um zu wissen was falsch ist, müssen wir ja bereits auch wissen, wie es richtig heißt. Wenn also das Gehirn dieselben Worte in 3, 4, 5 verschiedenen Varianten sieht, löst sich für das Tier jegliche Struktur auf. Die Rechtschreibregeln werden nicht nur nicht beachtet, sondern der Schüler lernt (unbewusst), dass es keine Regeln gibt.

Dass die Lehrer und die Eltern da anderer Meinung sind, ist kein Gegenargument. Denn sie drücken ihre Meinung „nur“ in Worten aus. Und die  Mahnung und die rote Welle unter dem Wort adressieren beide das Bewusstsein (=Mensch). Das Unbewusste (=das Tier) lassen derartige Ermahnungen völlig unberührt. Wenigstens was Rechtschreibregeln angeht. Denn es lernt immer nur mittels seiner eigenen Sinne. In unserem Fall von dem, was es selber sieht. Und was es selber schreibt, ist ihm an nächsten.

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