Peripherie und Zentrum

Das Kind als Handwerker seiner Selbst

Wir Menschen machen uns nur allzuschnell ein Bild davon, wie die Welt zu sein hat. Formulieren eine Überzeugung, wollen Gutes tun, greifen ein und machen damit vieles kaputt. Eltern stellen die Wiege mit dem Neugeborenen sobald es eingeschlafen in ein abgeschiedenes Zimmer und verschließen leise die Tür, in der Meinung, Stille wäre das, was das kleine Kind jetzt braucht. Ein Babyphone dazu, damit es nicht alleine aufwacht. Sie haben keine Ahnung, was Stille für das Neugeborene bedeutet. Neun Monate verbrachte es inmitten von Geräuschen. Kein einziger Augenblick war laut-los. Sein Bewusstsein mag schlafen, doch das Unbewusste wacht und kann die leere Stille nicht über-hören. Die Datenlage lässt nur einen Schluss zu: „Die Welt ist weg.“ Es fällt ins Bodenlose.

Welcher Rat, den Fachzeitschriften jungen Eltern auch dringend ans Herz legten, drehte sich nicht ein paar Jahre später in sein Gegenteil. Welche pädagogische Doktrin von vor 50 Jahren weisen wir heute nicht mit Empörung zurück? Wird es mit den Sätzen, an die ich heute glaube, in 20 Jahren anders sein?

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Maria Montessori sagt: Verlasst euch nicht auf kluge Artikel oder Konzepte. Verlasst euch nicht einmal auf euch selbst. Vertraut dem Kind. Beobachtet den Meister bei der Arbeit. Er kommt ins Kinderhaus, er geht in die Schule, nicht um zu spielen, sondern um zu arbeiten. Das Werkstück ist er selbst.

Jahrzehntelang beobachtete Maria Montessori die Kinder bei der Arbeit, und wenn sie glaubte, etwas zu verstehen, überprüfte sie die neue Erkenntnis. Und mit der Zeit formte sich ihr ein Bild von dem Bauplan, der jeder Kindesentwicklung zugrunde liegt. Denn diese lief im großen Ganzen immer ähnlich ab.

Für jeden einzelnen „Bedarf“ entwickelte Maria Montessori ein „Handwerkszeug“, das sie dem Kind anbieten konnte, wenn die Zeit gekommen war. Lag sie richtig und die Zeit war wirklich reif, dann würde sich dieses umgehend in die Arbeit stürzen. Andernfalls würde es das Dargebotene nur kurz „be-spielen“, sich dann ablenken lassen und sich anderem zuwenden.

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Die Erzieherin muss Meisterin in Beobachten sein. Dann weiß sie, welche Entwicklungsschritte das Kind bereits getan hat und der Strauß der Möglichkeiten für den nächsten Schritt ist nicht sehr bunt. Sie rückt diejenigen Werkzeuge, mit denen die kleine Bildhauerin bald an sich arbeiten wird, ins rechte Licht und zeigt ihr vielleicht noch, was man mit ihnen machen kann. Den Rest bestimmt das Kind selbst.

Definitionen

  • Peripherie: Das, was der Erzieher sieht.  Auf Basis seiner Beobachtungen ahnt er, welche Werkzeuge es als nächste benötigen wird.
  • Zentrum: Was unter der Oberfläche (im Zentrum) vor sich geht, ist seinem Zugriff nicht nur faktisch entzogen, sondern geht ihn nichts an. Er soll sich deshalb jedweder Interpretation enthalten.

Peripherie und Zentrum im Kontext von Deviation

Auch wenn das Kind seinen Weg weitestgehen selbst bestimmt, endet gelungene Entwicklung nicht in Beliebigkeit. Gesunde, normalisierte Menschen tragen am Ende einige gemeinsame Züge. Sie sind neugierig, offen, sozial, …

Im Folgenden will ich das Ergebnis meiner persönlichen Auseinandersetzung mit den Begriffen Peripherie und Zentrum im Kontext von Deviation (i.e. das Gegenteil von Normalisierung) zu Papier bringen. Denn die respektvolle Wahrung der ‚Intimsphäre’ des Kindes scheint mir nur so lange angebracht, wie wir es mit gesunden, normalisierten Kindern zu tun haben. Nur solange wir uns auf die Intuition des Kindes verlassen können, verbietet sich der Versuch einer Interpretation dessen, was im Zentrum vor sich geht.

Was aber, wenn das Kind nicht mehr kompetent agiert? Wenn in ihm etwas kaputt zu sein scheint? Hierfür kann es eine Vielzahl von Indizien/ Gründe geben:

  • Es hat ver-lernt, sich seiner inneren Stimme hinzugeben und hat diese durch erwachsenes Wissen ersetzt. Es stülpt sich gewissermaßen selbst Konzepte über, weil es „zu wissen glaubt“, wie lernen funktioniert.
  • Es hat Angst: Angst zu versagen, weil die Eltern Angst haben, es könne die gymnasiale Empfehlung nicht bekommen; Angst vor Lernen, um nicht dumm zu sein,  dümmer als andere, wenn es etwas nicht versteht; Angst vor Mathematik; …
  • Es hasst es, immerzu Dinge tun zu müssen, wofür die es sich nie frei entschieden hat.
  • Es meidet gewisse Reize, weil das Zusammenspiel zwischen Bewusstsein und dem Unbewussten nicht mehr stimmt. (=Wahrnehmungsstörung)

Der Erzieher nimmt wahr, dass etwas nicht stimmt. Da er die Gründe nicht kennt, weiß er  auch nicht, was genau zu tun ist. Jetzt muss er noch genauer hinsehen. Doch dieses Beobachten bleibt nicht mehr an der Peripherie, sondern es macht sich auf die Suche nach den Ursachen. Diese liegen zwangsläufig im Zentrum und der Erzieher verstößt zum ersten Mal gegen ein Prinzip. Die Chancen stehen gut, dass dieses nicht alleine bleiben wird.

Felix felicis – Es geht immer nur um Glück

Maria Montessori fordert die Eltern und Erzieher auf, sie mögen sich jedes Lobes enthalten. Das Ergebnis seiner Arbeit sei den Kindern Lohn genug. Und tatsächlich: Das Gehirn belohnt sich selbst für jeden einzelnen gelungenen Akt der Selbstvervollkommnung: mit (biologischem) Glück.
Es darüber hinaus auch noch zu loben, hieße, dem Kind zu dem Gold, das es soeben bekam, auch noch Katzengold anzubieten; es hieße, die Gefahr in Kauf zu nehmen, dass das Kind den Bezug verliert und um des Lobes willen lernt oder um anderen zu gefallen.

Was aber, wenn Lernen für manche Kinder kein Glück mehr bereithält. Dann verschaffen sie es sich eben an anderer Stelle, denn Glück ist eng verflochten mit dem Leben. Glück ist der Eigen-Lohn für alles, was dem (Über-)Leben dient: für…

  • Selbstvervollkommnung
  • die Welt besser lesen können (=Mustererkennung)
  • Überleben (Besser sein, Nervenkitzel,…)
  • Und das Gehirn ist süchtig nach Momenten, in denen das Bewusstsein und das Unbewusste  –in denen Mensch und Tier– eine Einheit bilden ( =Flow ). (In der Kriegsführung gibt es das Prinzip: Divide et impera! Teile und herrsche! Denn wer in sich selbst zerstritten ist, wird jeden Krieg verlieren. Flow ist nichts anderes, als innere Einheit.).

Beim Lernen geht es um nicht weniger als um Glück. Doch der Ort „Schule“ als Glücksfabrik hatte noch nie so große Konkurrenz wie heute. Die Tatsache, dass es eine Schulpflicht gibt, macht es nicht besser. Im Gegenteil. Denn alles, zu was das Tier gezwungen wird, lehnt es (unbewusst) ab. Heute mehr denn je, da das Unbewusste in einer immer schneller dahinrasenden Welt immer mehr Aufgaben übernehmen muss, die zu bewältigen das Bewusstsein nicht mehr in der Lage ist.  Und je größer der Anteil des Unbewussten am täglichen Leben; je mehr Entscheidungen es täglich trifft, desto größer ist auch sein Widerstand gegen äußeren Zwang.

Im Bestreben, Lernen wieder freiwillig zu machen, holen einige den Lehrer runter vom Podest, weg von der Tafel, da er dort –manchmal zu Recht– als Skaventreiber wahrgenommen wird. Doch damit geben wir dem Kind nicht automatisch mehr Freiheit. Muss die Schülerin ein Buch lesen, wird auch das als Übergriff empfunden. Vielleicht sogar noch intensiver, da sie jetzt nicht nur Ruderer sein soll, sondern auch noch Trommler.
Und wenn der Lehrer vorne steht, kann sich der Schüler immer auch die Freiheit nehmen, abzutauchen und nimmt trotzdem alles wahr, was im Raum passiert. Nur eben unbewusst. Beim Selbststudium hingegen muss er nur die Augen schließen und lernt tatsächlich nichts, weder bewusst noch unbewusst.
Lernen die Kinder in Kleingruppen, kann es sein, dass sich der Schüler nicht nur vom Lehrer überwacht fühlt, sondern auch noch von seinen Mitschülern. Sein inneres Tier sitzt jetzt nicht nur in einem Käfig (Klassenzimmer), sondern es fühlt sich dort auch noch eingekreist.

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Wir stehen vor der großen Herausforderung, Wege zu finden, wie Lernen auch eine wachsende Anzahl von Schülern glücklich macht, die sich (mittlerweile) innerlich abgewendet haben. Schüler, die lieber am Computer säßen, als die Bank zu drücken. Wenn aber Glück eine innere Mauer der Ablehnung überwinden muss, dann reicht ein neuer Blick auf die Welt, den wir dem Kind mit einem Thema schenken, vielleicht nicht mehr aus. Der verletzte Schüler muss zuerst wieder die Augen aufmachen. Vielleicht braucht es jetzt anstelle einer 3-Stufen-Lektion den Nervenkitzel und die Schönheit eines – im Bild gesprochen– Tandem-Gleitfluges, bei dem der Schüler auch noch den Eindruck hat, selbst geflogen zu sein.

Besonders dann, wenn wir es mit verletzten Kindern zu tun haben, sollten wir uns hüten, Wege zu suchen, wie wir den Schülern Inhalte schmackhaft machen. (Genau das versuchen wir seit vielen Jahren: Wir ziehen den Inhalten jedes Jahr einen neuen Mantel an, weil der letzte wieder nicht funktioniert hat.) Solange wir vom Inhalt aus denken, wird der/die SchülerIn spüren, dass uns er uns ans erster Stelle steht. Wir müssen also vom Kind aus denken und zuerst versuchen, zu verstehen, was es verletzt (hat) und was genau es glücklich macht. Und damit bleiben die Sinne der Lehrkraft zwangläufig nicht an der Oberfläche, sondern blicken ihm/ihr liebevoll ins Herz.

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