Hormé

Hormé im Kontext einer „Neuen Psychologie des Unbewussten“

Wir nehmen immer gleichzeitig bewusst wahr, und unbewusst. Also lernen wir auch immer gleichzeitig bewusst und unbewusst:

„So kann man sagen, dass jeder Mensch seine intelligenteste Tätigkeit im Unterbewussten vollbringt, wo die Engramme psychische Komplexe aufbauen. Sie schaffen mehr als eine Gedankenverbindung, denn sie organisieren sich selbst um eine Arbeit auszuführen, die wir nicht bewusst leisten können. … Die Wirkweise dieser Komplexe ist für die Bildung von immenser Bedeutung… (Montessori, 53)

Damit haben wir entsprechend auch zwei Arten von Erinnerung:

„Diese unterbewusste Erinnerung besitzt eine wunderbare Beweglichkeit. Alles ist in ihr aufgezeichnet, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.… Ein gebildeter Mensch mag keine Erinnerung an viele in der Schule gelernte Dinge haben, aber er besitzt Intelligenz, eine Kraft schnellen Begreifens derjenigen Gegenstände, die durch die Mneme festgehalten worden sind. Es ist also nicht die Erfahrungen an sich, sondern ihre in der Mneme zurückgebliebenen Spuren, die einen Geist kraftvoll machen. Diese Spuren sind auch als Engramme bekannt.“ (Montessori, 50)

Maria Montessori vervollständigt die Liste und wendet sich dem Willen zu. Auch diesen –so sagt sie– besitzen wir in zweifacher Ausfertigung:

„Ein anderer vitaler Faktor des Geistes ist der innere Drang, eine Handlung zur Vollendung zu bringen, er gehört zu dem, was man „élan vital“ nennt. …Diese Kraft bringt die Kinder in unseren Schulen dazu, spontan zu arbeiten, indem sie hartnäckig die gleiche Erfahrung wiederholen, bis sie völlig zufrieden sind. …  Sie wird manchmal Lebenswille genannt. … In Wirklichkeit findet sich der élan vital in jeder Facette des Lebens, und wenn er in die bewusste Schicht des Geistes auftaucht, wird er ein willkürlicher Faktor, wie der Wille. Der weit größere unbewusste vitale Drang wird heute von Psychologen „Hormé“ bezeichnet, deren Feld im Vergleich mit dem bewussten Willen so weit ist, wie das der Mneme im Vergleich mit dem Gedächtnis.“ (Montessori, 51)

Der zweieiige Simamesische Zwilling – genannt Mensch

Fassen wir zusammen:

  • Wir nehmen bewusst wahr und unbewusst
  • Wir haben einen bewussten Willen und einen unbewussten Drang (Hormé)
  • Wir lernen bewusst und unbewusst
  • Und wir haben zweierlei Gedächtnis: ein bewusstes und ein unbewusstes

Wollten wir eine Liste aller Eigenschaften aufstellen, die Menschsein definieren, dann stünde das Bewusstsein mit Sicherheit an erster Stelle. Womit wir gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass das Unbewusste eben nicht auf diese Liste gehört. Wem anderes könnten wir es zuschreiben, als dem Tier? Womit sich aufdrängt, was die Stoiker mit dem Begriff ‚animal rationale’ ausdrückten:

Wir sind zwei!
Mensch und Tier, in einem Gehirn untrennbar verbunden, in einem Geist vereint.

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Das Bewusstsein und das Unbewusste ähneln zweieiigen siamesischen Zwillingen, mit dem Unterschied, dass  jeder der beiden nicht nur einzigartig ist, sondern in vielerlei Hinsicht genau das Gegenteil des anderen:

  • Das Unbewusste lebt im Hier und Jetzt und nimmt alles wahr. Gleichzeitig. Es wirft alle Daten in einen großen Topf, rührt kräftig um und liefert als Ergebnis ein Gefühl.
  • Das Bewusstsein pickt sich aus dieser Welt zwei Punkte / Aspekte und verknüpft sie miteinander, wobei die beiden nicht einmal in einem einzigen Bild (Augenblick) erscheinen müssen, sondern beliebig weit voneinander entfernt liegen können. In den beiden Grunddimensionen menschlichen Daseins: Raum und Zeit.
  • Der eine lebt im Augenblick, der andere schweift immerzu in andere Zeiten ab;
  • Der eine fühlt, der andere denkt und spricht.
  • Der eine kennt „nur“ die eigene Erfahrung, der andere kann von den Gedanken und der Erfahrung aller Lebenwesen lernen, über Raum und Zeit hinweg.

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Maria Montessoris Aussagen lassen uns ahnen, dass sie die Leistungen des Unbewussten in so mancher Beziehung höher einschätzt als die des Bewusstseins:

„So kann man sagen, dass jeder Mensch seine intelligenteste Tätigkeit im Un(ter)bewussten vollbringt.“ (Montessori, 53)

Das mag auf den ersten Blick überraschen. Doch schon der zweite zeigt, dass das Unbewusste den größeren Computer hat. Haben muss! Denn wer sich für alles interessiert, wer die ganze Welt mittels einer mehrdimensionalen Sinnesleinwand gleichzeitig wahrnimmt und nach Mustern sucht, nach simultanen Gemeinsamkeiten und Beziehungen, dessen Betriebssystem muss ein Vielfaches derjenigen Daten verarbeiten, die einer in den Händen hält, der die Welt mit einer Nadelspitze abtastet und dessen Rolle es ist, Einzeldaten in Beziehung zu setzen. Wollen wir neurobiologischen Zahlen glauben, dann rechnet das Bewusstsein mit 40 bit/sek, das Unbewusste hingegen mit 11.000.000 bit/sek. Doch wenn einige  Neurobiologen fordern:

„Unterrichtet nicht den Menschen, unterrichtet das Tier!“

…dann geht es ihnen vermutlich gar nicht um Effektivität. Es geht um Einheit und „Überhaupt Lernen können“. Denn fühlt sich das Unbewusste ignoriert oder gar misshandelt, dann spielt es nicht mehr mit. Unbewusstes Lernen und Verstehen wird findet nicht mehr statt, und bewusstes Lernen wird zur Qual.

Rolle der Hormé in der Pädagogik Maria Montessoris

Der Begriff Hormé ist keiner, der automatisch allen, der sich mit der Pädagogik Maria Montessoris beschäftigen, im Gedächtnis haften bleibt. Doch das heißt nicht, dass er unwichtig wäre. Im Gegenteil. Er ist zentral. Oder besser: fundemental. Denn das gesamte Gebäude,  das die Pädagogik Maria Montessoris ist, steht auf ihm.

 

Herkunft und Wortbedeutung

„Hormé (gespr. Hormä:) kommt von óρνυμι, das denselben ethymologischen Stamm hat wie das lat. orior oder origo und bedeutet: ich entspringe, ich bin geboren, ich stamme ab. …
Die Stoiker sagen von der Hormé, dass sie apeithês logô, mit Sprache nicht zu überzeugen ist und behaupteten, dass jedes pathos biastikos gewaltsam sei.“ (Agamben)

Maria Montessori benutzt den Begriff „Hormé“, um herauszustellen, dass jedes Kind mit seiner Geburt quasi von der Natur, von ‚seiner‘ eigenen Natur genötigt wird, sich selbst aufzubauen.

„Sie (=Maria Montessori) forderte eine ‚Verbesserung der Erziehung’, die nicht durch eine bestimmte „Erziehungs- bzw. Unterrichtsmethode“ zu erreichen wäre, sondern von der „neuen Vision des Kindes“ ausgehen müsse“… Maria Montessori stellte sich selbst zur Hauptaufgabe, der sie ihr ganzes Leben bis in das hohe Alter hinein widmete, ein neues „Bild vom Kinde“ als von einem „von Gott mit Bauplan und Hormé ausgestatteten und zur individuellen Selbstentwicklung fähigen Wesen“ zu verbreiten.  (Hellwig, 4)

Vision nicht (nur) im idealistischen Sinn, sondern (auch) im wörtlichen: Denn mit dieser neuen Sicht definiert sie nicht eine neue Theorie als den Grundstein ihrer Pädagogik, sondern sie richtet unsere Augen auf niemand anderen als das Kind selbst. Damit entgeht sie jeglicher Ideologisierung, jeglicher Projektion eigener Vorstellungen, jeglicher Differenz von Theorie und Praxis. Denn die ebenso einfache wie herausfordernde Schlussfolgerung, die Maria Montessori aus dem Begriff Hormé ableitet, heißt schlicht: Beobachtet das Kind und es wird euch alles sagen!

„Ihm (= Hormé) liegt eine im Kind angelegte schöpferische Kraft zugrunde, … die das Kind veranlasst, sich selbst unbewusst aufzubauen: Der zweieinhalbjähirge Junge … verspürt das intensive Bedürfnis, vorsichtig und geschickt einen Krug zu tragen, ohne das Wasser zu verschütten. Es ist ihm so wichtig, dass er sich dabei nicht stören lassen will. Niemand darf ihm diese Aufgabe einfach abnehmen!
Dass das Kind dabei die Auge-Hand-Koordination verbessert, seine Bewegungen koordiniert und die Feinmotorik schult, ist ihm natürlich nicht bewusst.“ (Klein-Landeck, Pütz)

„Nicht Spiel, sondern Arbeit sind dem Kind angeborene Triebe, die gleich einem Drang, –Montessori nennt ihn auch hormé– unabhängig vom Willen geschweige denn Wahl und Entscheidung das Kind treiben, sich dem inneren Bauplan gemäß zu entwickeln. „Die Natur hat als Werkzeug die unbewussten Kräfte und sie bedient sich der bewussten nur, um das Interesse des Kindes zu lenken.“ (DAS KIND, 28, 8).

Freiheit ist für Maria Montessori nicht anderes, als dass …

„… die hormé, dieser Drang, sich ungestört entfalten kann, zunächst unbewusst, dann durch die Interessen und Neigungen des Heranwachsenden hindurch. (Klepper)

Solange die „Polarisation der Aufmerksamkeit „beim Kinde nicht aufgetreten ist, kann von seiner Freiheit sowie Selbstentwicklung keine Rede sein, denn es kann seiner „inneren Führung“ noch nicht gehorchen (Hellwig, 107)

Hormé und Lernen

Polarisation der Aufmerksamkeit ist vermutlich das sicherste Anzeichen dafür, dass wir es gerade mit der Hormé zu tun haben:

„Das Mädchen wiederholte die gleiche Tätigkeit mehr als vierzig mal, -trotz einiger Störungen seitens der Gruppe. Danach wirkte das Mädchen glücklich, entspannt, zufrieden und wandte sich ebenso glücklich, entspannt und zufrieden anderen Kindern zu.
Diese Beobachtung ließ zum einen darauf schließen, dass es sich um eine außerordentlich intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand handelte, bei der die Konzentration des Kindes bis zur völligen Isolation von der Außenwelt führte, und zum anderen, dass etwas im Inneren des Kindes geschah, was sich auf seine Befindlichkeit und auf sein Verhalten anderen gegenüber auswirkte, offensichtlich Gefühle wie Freude, Heiterkeit, Ausgeglichen-heit.“ (Fischer S. 36)

Was Maria Montessori hier beschreibt, hat eine große Ähnlichkeit zu den Tätigkeiten, in denen sie uns Hormé  vorstellt:

„Diese Kraft bringt die Kinder in unseren Schulen dazu, spontan zu arbeiten, indem sie hartnäckig die gleiche Erfahrung wiederholen, bis sie völlig zufrieden sind. … (Montessori, 51)

In beiden Fällen wiederholt das Kind eine Tätigkeit immer und immer wieder.

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Immer wieder beklagen sich Lehrer, die Kinder würden Inhalte an einem Tag verstehen und zwei Tage später hätten sie dann alles wieder vergessen. Stimmt etwas mit dem Gedächtnis der Kinder nicht mehr? Maria Montessori würde jetzt Tierforscher und Pferdeflüster um ihre Meinung bitten. Und diese müssten nicht lange überlegen: Kein Hund lernt Regeln, die nur manchmal wichtig sind. Und hat ein Pferd eine neue Lektion verstanden, dann muss es diese trotzdem noch 10 Tage wiederholen, damit sie nicht verloren geht:

15 Minuten, dann 10, dann 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1,

Wir können unserer Liste der Gegensätzlichkeiten zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten eine weitere Zeile hinzufügen:

  • Menschen verstehen ein für allemal, z.B. wenn sie eine logische Verbindung zwischen zwei Punkten ziehen können. Tiere lernen Muster. Sie verstehen nur, was wirklich wichtig ist. Und wirklich wichtig ist nur das, was jeden Tag wichtig ist. „Wahrheit“ oder nicht ist für das Unbewusste keine binäre Angelegenheit. Das Unbewusste kennt keine Heuräka-Erlebnisse, in denen ihm ein Licht aufgeht, das dann ewig weiterbrennt. Das Unbewusste arbeitet  statistisch. Je öfter ein Muster wiederkommt, desto wichtiger ist es.

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Maria Montessori fordert, wir sollten die Kinder auch unbewusst verstehen lassen:

Mit Rücksicht auf diese Entdeckungen halten wir es nun für ratsam, nicht das mühselige Auswendiglernen irgendeines wichtigen Stoffes zu betreiben, sondern ihn eher leichtnehmend zu lernen und ihn dann für einige Tage beseite zu legen, ohne ihn ganz zu vergessen, und so den Engrammen Zeit zu ihrer Kontzentrierung zu geben.“ (Montessori,  53)

Sie richtete sich mit diesen Zeilen vor 80 Jahren mahnend an die Erwachsenen. Wenn heutzutage Kinder nicht gerade in der Schule lernen, wenn ihnen also keiner vorschreibt, wie genau zu lernen sei, dann lernen sie am liebsten und fast ausschließlich unbewusst. Keines von ihnen liest sich heute noch Spiel- und Gebrauchsanleitungen durch. Sie stürzen sich hinein und lernen ‚on the fly’.

Wenn also etwas an der angeblichen Vergesslichkeit der Kinder nicht stimmt, dann die Vorstellung, Lernen wäre primär eine Angelegenheit der Ratio, des Verstandes, des Bewusstseins. Das mag für reine Menschenkinder gelten. Doch die gibt es immer seltener. Heute mehr denn jeh ist Verstehen ein ganzheitlicher Prozess. Gelungenes und effektives Lernen gelingt dann, wenn beide –das Unbewusste und das Bewusstsein, Tier und Mensch – jeder auf seine Weise verstehen (dürfen). In dieser Reihenfolge!

Hormé im Widerstand

Bei ihrer Schilderung von Hormé stand die Spontanität im Vordergrund. Maria Montessori scheint aller Bewunderung zum Trotz auch etwas Angst zu haben, die fehlende Beteiligung des Bewusstseins könnte gefährlich sein. Im Bild gesprochen: Das Tier kann plötzlich auf die Straße laufen.

Menschliche Wesen können durch die Hormé gezwungen werden, ohne dass, –wie in der Hypnos– der Wille bewusst in Aktion tritt. Das wird mit Recht als gefährlich für die Menschheit empfunden, weil wir diese Kräfte noch nicht kennen und uns gegen sie daher nicht recht verteidigen können. (Montessori, 52) 

Das ist im Fall der Polarisation der Aufmerksamkeit ganz anders, denn hier sind Mensch und Tier gemeinsam unterwegs. Und in aller Regel richtet sich die gebündelte Energie nach innen. Das Faszinierende an der Polarisation der Aufmerksamkeit ist ja gerade der Grad der (gemeinsamen) Versenkung.

Werden bei kleinen Kindern Sensible Phasen nicht respektiert, dann äußern sie ihre Unzufriedenheit gerne auch in Wutausbrüchen. Hier können wir Hormé im Widerstand beobachten. Mit zunehmendem Alter wendet sich dieser Widerstand mehr und mehr nach innen. Denn jetzt hat in vielen Situationen das Bewusstsein die Führung übernommen und die Äußerungen der Hormé werden unterdrückt.
Was passiert, wenn sich das Bewusstsein und das Unbewusste –Mensch und Tier– miteinander in Konflikt befinden, wenn also der eine lernen will (weil menschliche Argumente ihn überzeugt haben) und der andere weigert sich, können wir jeden Tag im Mathematikunterricht beobachten: Zwei fahren Tandem einen steilen Berg hinauf: Der vorne lenkt und tritt – der hinten legt nicht nur die Füße hoch –  er bremst.

Auch bewusstes Lernen ist immer eine emotionale Angelegenheit, denn keine Emotionen gibt es nicht. Das Tier in uns ist entweder begeistert, oder es befindet sich im Widerstand. Wenn bewusste Menschen trotzdem lernen, dann quält hier der eine den anderen und der andere quält zurück.

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